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Buch

Ein Autor auf Spurensuche in der Ukraine

Dreizehn Texte des Literaturdetektivs Dietmar Grieser über ein fernes, doch so nahes Land.

Dietmar Grieser war in jüngeren Jahren äußerst reiselustig. Seine Recherchen auf literarischer Spurensuche führten ihn einmal rund um die Welt und trugen ihm überreiche Ernte ein.

So reiste er vor Jahren, als noch die allumfassende „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ bestand, in die Millionenstadt Donezk. Als trostlose Industrielandschaft beschreibt er die Stadt, die aber mit 24 Kohleminen nicht nur Reichtum schuf, sondern sich auch den Ehrentitel „Stadt des Arbeitsruhms“ hart erarbeitet hatte. Dort schuftete der Kumpel Alexej Grigorjewitsch Stachanow, dessen Rekordleistung aus dem Manne eine Weltberühmtheit machte. Die Plackerei, die Stachanow in der Nacht vom 30. auf 31.August 1935 vollbracht hat, erhebt ihn zu Recht zur Ehre zahlloser Denkmäler in der Donezk-Region: Er hat seine Arbeitsnorm in dieser Nacht ums Vierzehnfache übertroffen. Sein Begräbnis 1978 glich einem Staatsakt. Mit feiner Sprache und distanziertem Respekt schildert Grieser uns das dortige Museum.

Nicht nur im Wiener Wurstelprater war er Sensation: Der „Rumpfmann“ Nikolai Basilowitsch Kobelkoff, geboren 1851 in dem ukrainischen Städtchen Troizk, musste sich von Geburt an ohne Arme und Beine behelfen. Er schaffte das so geschickt, dass er mit einem Bleistift, eingeklemmt zwischen Wange und dem rechten Armstumpf, schreiben konnte, mit Pistolen schoss und fast alle Aktionen des Alltags allein bewältigte. Bis nach Konstantinopel vermittelten ihn die Schaustelleragenten. Ja, er war eine Weltsensation. Achtzig Zentimeter groß und sechzig Kilo schwer – so trug ihn seine Braut in Budapest zum Altar. Man bekam fünf Kinder und Kobelkoff schuf mit ihnen im Prater ein ganzes Imperium an Attraktionen, den heute noch bestehenden Toboggan inbegriffen. 1933 starb das Weltwunder 82-jährig.

Trotzki im Café Central

Auch der unfreiwillige Wahlwiener Leo Trotzki kam aus der Ukraine, und zwar als Leo Dawidowitsch Bronstein, geboren 1879 in eine wohlhabende Familie in Janovka (heute Bereslawka). Der jugendliche Revolutionär landete nach Verbannung nach Sibirien in Paris, dann in Wien, wo er mit seiner Geliebten Natalia Sedowa sieben friedliche Jahre in der Döblinger Weinberggasse in ärmlicher Souterrainwohnung verbringen konnte. Von hier aus gestaltete er ab 1908 die illegale „Prawda“, die über die Schweiz bis Finnland ins russische Zarenreich geschmuggelt werden musste. Dass er im Schachzimmer des Café Central die Sozialdemokraten Rudolf Hilferding und Karl Renner kennengelernt hat, ist bekannt. Ebenso seine enttäuschte Reaktion: „Revolutionäre sehen anders aus!“ Der Erste Weltkrieg beendete das Wiener Idyll, Trotzki erledigte für Lenin, was in einer blutigen Revolution zu machen ist, aus Furcht vor dem mordlüsternen Stalin floh er nach Mexiko, wo ihn dennoch ein furchtbarer Tod durch einen russischen Mordgesellen ereilte.

Weitere Kapitel widmen sich Leo Perutz, dem tragischen Schicksal des Gesangswunders Joseph Schmidt, Paul Celan, Eugenie Schwarzwald,... Jedes ein sprachliches Schmuckstück.

Griesers neuerliches Interesse an ukrainischer Spurensuche entsprang der Bekanntschaft mit der Sängerin Zoryana Kushpler, die von 2007 bis 2020 der Wiener Staatsoper angehörte. Man ist beiden zu großem Dank verpflichtet.

Dietmar Grieser:
„Geliebte Ukraine“
Amalthea Verlag,
144 Seiten, 22 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2022)