Still, still, still! Britische Popmusiker spielen John Cage

Vier Minuten und 33 Sekunden Stille: Dieses Stück gehört dringend auf die Playlist der Einkaufszentren – egal ob digital oder analog.

Heuer gibt es eine wunderbare Alternative zur pseudoweihnachtlichen Dauerberieselung, zu „Jingle Bells“, „O Tannenbaum“ und „Last Christmas“. Das ist erstens John Cage zu verdanken. Er hat 1953 das Stück „4'33''“ (nicht) komponiert: für ein Orchester, das vier Minuten und 33 Sekunden nichts spielt.

Zweitens zu danken ist über 40 britischen Popmusikern (u.a. Billy Bragg, The Kooks, Bloc Party), die dieses Stück aufgenommen haben – unter dem Namen „Cage Against The Machine“. Das spielt auf „Rage Against The Machine“ an: 2009 wurde in Facebook dazu aufgerufen, einen Song dieser Band („Killing In The Name“) möglichst oft zu kaufen und damit zur weihnachtlichen Nummer eins zu machen. Es gelang: Der Sieger der Talenteshow „X-Factor“ blieb Zweiter.

Ob die (reine) Stille à la Cage ebenso erfolgreich wird? Es ist nicht das erste Mal, dass sich Popkünstler von „4'33''“ inspirieren lassen. 1969 brachten John Lennon und Yoko Ono auf „Unfinished Music No. 2: Life with the Lions“ „Two Minutes Silence“. Halb so lange dauerte 1988 „One Minute Of Silence“ von der Grunge-Band Soundgarden, die erklärte, sie habe nur den Lennon-Teil interpretiert. 1994 veröffentlichte die Metal-Band The Melvins auf „Prick“ „Pure Digital Silence“: ebenfalls zwei Minuten lang, aber eben auf einem digitalen Medium aufgenommen und abzuspielen.Von John Cages Erben geklagt wurde Klassik-Popper Mike Batt, der als Autoren seiner „One Minute Silence“ sich selbst und Cage angab (in dieser Reihenfolge). Er rechtfertigte sich so: „Ich war in der Lage, in einer Minute das zu erzählen, wofür Cage vier Minuten und 33 Sekunden brauchte.“

All diese Stücke warten darauf, in Supermärkten gespielt zu werden. Das wird die Ohren schärfen. Wer hört den Unterschied zwischen digitaler und analoger Stille, zwischen Stille, die ein klassisches Orchester aufgenommen hat, und Stille, die ein Pop-Ensemble interpretiert? Wir werden es hören: Das Knistern der Rillen. Das Rasseln der Kehlen. Das Rieseln des Schnees.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2010)

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