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Spät kommt die Türkei zur Sprache

(c) APA (GEORG LEYRER)
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Im eigenen Land ist die türkische Schriftstellerei breit erblüht, bei uns ist sie noch kaum bekannt. Aber erste Verlage helfen ab. Was es zu entdecken gibt, erklärt die Autorin und Orientalistin Barbara Frischmuth.

Die Geschichte des Dogan Akhanli klingt, als hätte es Kafka in die Türkei verschlagen. Als der seit Langem in Deutschland lebende Schriftsteller seinen sterbenden Vater besuchen wollte, wurde er festgenommen und vier Monate lang in Untersuchungshaft festgehalten. Die Anklage: Er habe 1989 als linker Aktivist einen Raubmord begangen. Der Prozess vergangene Woche war eine Farce: Die Anklage hatte nicht einmal Indizien. Selbst der Richter schien von solcher Lächerlichkeit unangenehm berührt. Am Donnerstag war Dogan Akhanli endlich frei – sein Vater aber tot.

Schriftsteller vor Gericht: Das ist wohl das Erste, was den meisten Europäern einfällt, wenn sie an türkische Literatur denken. Auch Orhan Pamuk erhielt den Literatur-Nobelpreis 2006 erst, nachdem er wegen „Beleidigung des Türkentums“ angeklagt worden war. Trotzdem stimmt das Diktum des berühmten türkischen Schriftstellers Yaşar Kemal, das Gefängnis sei „die Schule der türkischen Gegenwartsliteratur“, so nicht mehr. Auch wenn immer noch Autoren den verzweifelten Rückzugsgefechten einer aussterbenden alten Garde zum Opfer fallen: Die Tabus bröckeln. Und zwischen den verhärteten Fronten von Islamisten und Nationalisten blüht eine Literatur, die genauso lebendig, modern und fast ebenso unbekümmert ist wie jene im westlichen Europa.

Nur weiß dieses Europa immer noch wenig davon. Erst in den letzten Jahren bemühen sich Verlage, Versäumtes nachzuholen. Das bisher eindrucksvollste Ergebnis ist die im Schweizer Unionsverlag erschienene 20-teilige „Türkische Bibliothek“, deren letzter Band nun erschienen ist. Sie beschränkt sich auf noch nicht übersetzte Werke, eine repräsentative Auswahl der türkischen Literatur soll sie bieten, keinen Kanon.

 

Suche nach Lösung des Kurden-Konflikts

Einen Teil der „Türkischen Bibliothek“ bilden Werke der letzten hundert Jahre, die bei ihrem Erscheinen den Nerv der Zeit trafen, wie der Roman „Mein Weg durchs Feuer“ von Halide Edip Adıvar, einer Weggefährtin Atatürks. Dazu kommen Anthologien sowie in den letzten Jahren erschienene Bücher jüngerer Autoren wie der fesselnde Roman „Der schmale Pfad“ der Bestsellerautorin Ayşe Kulin. Kulin schildert anhand einer Begegnung zwischen einer Journalistin und einer inhaftierten kurdischen Aktivistin den türkisch-kurdischen Konflikt und die Suche nach einer friedlichen Lösung.

Beweist ihr Buch die neue inhaltliche Freiheit der türkischen Literatur? „Ayşe Kulin ist schon mutig“, sagt die österreichische Schriftstellerin Barbara Frischmuth im Gespräch mit der „Presse“. „Aber sie ist sehr beliebt, sie kann es sich auch leisten.“ Bei aller Freimütigkeit – das „Wir“-Gerede von Staat und Nation darin ist für österreichische Leser wohl schwer nachzuvollziehen. Frischmuth, die in der Türkei studiert hat und die türkische Literatur kennt und liebt, hat selbst solche Freundinnen: „Die sind absolut modern und bekommen doch Schreikrämpfe, wenn wir über kemalistische Positionen reden.“

Seit hundert Jahren orientiert sich die türkische Literatur an westlichen Autoren und Kunstformen, ja hat sich dadurch überhaupt erst entwickelt. Eine Literatur der Nachzügler, der Epigonen also? „Das war sie einmal“, sagt Frischmuth. „Natürlich gab es auch schon früher als Individuen erkennbare Autoren, aber die waren meist behaftet mit dem Instrumentarium des 19.Jahrhunderts und orientierten sich sehr an der französischen Literatur. In den letzten 30 bis 40 Jahren hat sich enorm viel getan. Das hat mit der Dorfliteratur begonnen, da war die erste Generation, die lesen und schreiben gelernt hat, und plötzlich hat man die ländlichen Mythen in die Literatur hineingenommen. Ich würde sagen, dass die türkische Literatur inzwischen wirklich original ist. Sie hat eigene Traditionen, ein eigenes Gedächtnis.“

Die Sprache war lange Zeit ein Grund, warum sich eine eigenständige türkische Literatur nur langsam entwickeln konnte und auch schwer übersetzbar war. „Das Türkische verfügt über eine Reihe von Sprachebenen. Unter Atatürk wurde die arabische Schrift von einem Tag auf den anderen nicht mehr unterrichtet und durch die lateinische ersetzt. Damit war in vieler Hinsicht auch Wortschatz gestorben, auf der anderen Seite wurden, legitimiert durch eine Sprachkommission, ständig neue Wörter erfunden, die sich manchmal auch als unbrauchbar erwiesen.“

 

Erdoğan als Hitler auf dem Cover

„Heute versuchen einige jüngere Autoren, die älteren Redeformen und auch vergessene arabische und persische Wörter wieder in die türkische Sprache zu integrieren. Früher wollte man die Tradition der osmanischen Literatur radikal abschaffen, jetzt gilt sie plötzlich wieder als interessant.“

Ihre Geschichte ist es auch, die aus der Türkei ein so unberechenbares Land macht. Zensur und Freiheit wuchern durcheinander: „Ich habe im Handel ein Buch gesehen, wo Erdoğan als Hitler auf dem Cover war, ohne dass die Polizei eingeschritten wäre!“, erzählt Frischmuth. „Es ist also auch manches auf dem Markt, wo man sich fragt, ob das bei uns so einfach möglich wäre.“

Literaturtipp

20 Bände umfasst die „Türkische Bibliothek“ im Unionsverlag. Drei Tipps:

„Mein Weg durchs Feuer“: die Erinnerungen der Schriftstellerin Halide Edip Adıvar, einer Galionsfigur des türkischen Befreiungskriegs.

„Die Schattenlosen“, über verschwindende Personen in einem anatolischen Dorf, von Hasan Ali Toptaş.

„Die Stadt mit der roten Pelerine“: Die 1967 geborene Aslı Erdoğan erzählt die schwindelerregende Reise einer jungen Türkin durch die Favelas von Rio de Janeiro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2010)