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Grippe schützt vor Asthma, Bakterien tun es auch

Grippe schuetzt Asthma Bakterien
(c) Bilderbox
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Neue Therapiehoffnung für Leiden, die von Überhygiene bzw. einem durch sie falsch programmierten Immunsystem kommen. Zum Beispiel mit dem Magen-Bakterium Helicobacter pylori, dass nicht nur Böses anrichten kann.

Dreck macht fett. So bündig fasste eine Bauernweisheit noch in den 1960er-Jahren zusammen, dass die Furcht vor Schmutz bzw. darin lauernden Krankheitserregern auch kontraproduktiv sein kann. Städter schüttelten den Kopf – aber das verging ihnen, als in den 1980ern bei ihren Kindern überschießende Immunreaktionen wie Allergien und Asthma um sich griffen. Bald zeigten Studien, dass Kinder auf dem Land, die noch Erde in den Mund stecken durften bzw. im Stall arbeiten mussten, von den Leiden weithin verschont blieben. Man konnte es auch im Systemvergleich sehen: In der BRD, wo immer reiner gewaschen und glänzender geputzt wurde, stiegen die Krankheiten stark an, in der DDR gab es sie kaum.

 

„Hygiene-Hypothese“

Just als die DDR unterging, 1989, wurde der Zusammenhang als „Hygiene-Hypothese“ formuliert: Wenn sich das Immunsystem nicht früh einlernen kann in den Umgang mit „Antigenen“ – eingedrungenen Fremdkörpern wie Bakterien, Viren oder Pollen –, dann schlägt es auch bei falschem, nichtigem Anlass zu und wendet sich gegen den Körper selbst. Das droht vor allem dann, wenn es nicht lernt, gefährliche Antigene von harmlosen – auch von den vielen Bakterien, die wir immer in uns tragen – zu unterscheiden und diese zu tolerieren.

Das war nur eine (aus der Epidemiologie abgeleitete) Hypothese, aber sie bekam Bestätigung: Kinder, die per Kaiserschnitt – also „sauberer“ – zur Welt gebracht werden, leiden häufiger an Asthma, und Kinder, die viele Antibiotika verordnet bekamen, tun es auch. Ebenso erging es Versuchsmäusen, denen Hefepilze in den Darm und Schimmelpilze in die Lunge platziert wurden – und die zugleich Antibiotika erhielten. Erhielten sie keine, blieben ihre Körperbakterien erhalten, und sie blieben gesund.

 

Schützendes Magenbakterium

In den letzten Jahren verfeinerte sich das Bild. Manche Antigene schützen vor Asthma, andere lösen es aus: Der Dreck, der fett machen bzw. gesund halten soll, muss ein besonderer sein. Vor zwei Jahren fand sich der erste Kandidat, Helicobacter pylori. Das ist ein Bakterium, das im Magen haust und Böses anrichten kann: Geschwüre und Krebs. Es tut aber auch Gutes, regt in der Magenwand (und dadurch im gesamten Körper) die Bildung von regulatorischen T-Zellen an. Die sind Teil des Immunsystems und sorgen dafür, dass es gegenüber Antigenen duldsam bleibt. Aber immer weniger Kinder haben das Bakterium – in den USA sechs Prozent, vor zwei Generationen waren es 70 –, deshalb fehlen ihnen regulatorische T-Zellen, auch in den Atemwegen, wo Asthma zuschlägt (Journal of Infectious Diseases, 198, S.553).

Die Wirkung von H.pylori hat eine Gruppe um Dale Umetsu (Harvard) nun in Mäuseversuchen bestätigt. Dabei fand sich zudem ein zweiter überraschender Kandidat, ein Grippevirus, Influenza A (H3N1). Auch dieses bewahrt vor späterem Asthma, wenn es jungen Mäusen verabreicht wird. „Natürlich werden wir Menschen nicht mit etwas Gefährlichem infizieren, um Asthma abzuwenden“, erklärt Umetsu, „wir werden versuchen, die guten Teile der Infektion von den bösen zu trennen“ (Journal of Clinical Investigation, 13.12.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2010)