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Klimainitiative

„Diese Preise sind nicht bezahlbar“

Die Strompreise sind auf Rekordhoch. Verbund-Chef Michael Strugl setzt auf mehr Ökostrom.

Die Sorge vor einem Strom- und Gasnotstand wächst. Wie kommen wir durch den Winter?

Michael Strugl: Bei Gas gibt es aufgrund der getroffenen Maßnahmen eine gewisse Zuversicht, dass es bewältigbar sein wird. Natürlich kann niemand sagen, was passiert, wenn die russischen Lieferungen ganz ausbleiben oder zu geringeren Mengen kommen. Bei Strom hat Österreich prinzipiell bisher eine sehr hohe Versorgungssicherheit, aber es gibt auch besorgniserregende Faktoren.

Warum?

Die extreme Trockenheit sorgt dafür, dass wir in ganz Europa weniger Strom aus Wasserkraft haben. Das trifft uns, Italien, Spanien, aber auch Länder im Norden. Wenn man hört, dass Norwegen wegen der niedrigen Füllstände in den Reservoirs überlegt, die Stromexporte nach Deutschland einzustellen, hat das schon extreme Auswirkungen. In Frankreich fällt zudem die Hälfte der AKW wegen Wartungsarbeiten aus. Da haben wir schon Sorgenfalten auf der Stirn. Denn ersetzt wird dieser fehlende Strom überall durch Gaskraftwerke.

In den ersten europäischen Ländern gibt es bereits rollierende Blackouts. Steht das Österreich auch bevor?

Es ist wahrscheinlicher als vor einem Jahr. Es kann zu einer Situation kommen, wenn zu wenig Strom eingespeist ist, dass einzelne Verbraucher vom Netz genommen werden müssen, um ein Blackout zu verhindern. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.


Neben der Versorgungssicherheit ist auch der Preis für Strom derzeit ein großes Thema. An den Börsen kostet die Megawattstunde so viel wie nie zuvor. Versorger beginnen, die Preise an die Kunden weiterzugeben. Wie soll das bezahlbar bleiben?

Derzeit spielen die Preise völlig verrückt. Das hat mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach der Covid-Pandemie begonnen, die auch die Nachfrage nach Gas stark angeheizt hat. Das hat die Strompreise hochgezogen. Jetzt haben wir eine Mangellage bei der Stromerzeugung in einigen europäischen Ländern und Preise von 600 bis 1000 Euro je Megawattstunde. Das ist nicht mehr bezahlbar. Bei den Haushalten haben die Regierungen schon begonnen, Maßnahmen zu setzen, damit diese sozialen Härten abgefedert werden können. Das ist richtig und notwendig. Bei der Industrie ist das noch nicht in dem Ausmaß passiert. Unternehmen, die im Großhandel Strom beschaffen, werden sich das nicht mehr leisten können. Die EU-Kommission will im Herbst mit der Arbeit an einem neuen Strommarktmodell beginnen. Aber das ist ein komplexer Vorgang und nicht vor 2024 zu implementieren. Es braucht daher temporäre Maßnahmen, um die wilden Ausschläge zu bändigen. Sonst bringt eine Preisentwicklung, wie wir sie jetzt sehen, Verwerfungen mit sich, die weder sozial noch wirtschaftlich auszuhalten sind.


„Grünes Licht“ also aus der Wirtschaft für Markteingriffe?

Wir brauchen längerfristig natürlich schon Preissignale, die Investitionen in die Erneuerbaren lenken und auch Sparanreize geben, wenn es eine Knappheit gibt. Ein Preisdeckel wird dazu führen, dass die Nachfrage wieder steigt. Das sieht man in Spanien. Seit das Land einen Preisdeckel für Gaskraftwerke installiert hat, ist der Verbrauch dort um 70 Prozent gestiegen. Haushalte haben keinen Preisdeckel: Dort ist der Verbrauch um zehn Prozent gesunken. Man muss das gut überlegen, damit keine unerwünschten Nebenwirkungen entstehen.


Wann werden die Preise sinken?

In einer langfristigen Perspektive gibt es die Chance, dass sich die Strompreise wieder normalisieren, wenn wir mehr Erzeugung aus erneuerbaren Quellen bekommen. Deswegen investieren wir ja auch intensiv: in den Erneuerbaren-Ausbau, in die Stromnetze und in die Speicher. Je mehr Strom aus Wasserkraft und Solarenergie da ist, desto größer ist die Chance, dass der Preis sinkt. Wir dürfen dieses langfristige Ziel nicht aus den Augen verlieren. Nicht nur wegen des Klimaschutzes, sondern auch, um wieder leistbare Preise zu haben.