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Humanitäres Engagement

Die Frau, die Frauen aus Gewalt befreit

War selbst Opfer von Gewalt: Hanife Ada.(c) Kaufmann
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Blut, Knochenbrüche, Tränen: Gewalt in Beziehungen ist keine Seltenheit. Mit ihrer Initiative »Yetis Bacim« hilft Hanife Ada Betroffenen in ein neues Leben.

Sonnenbrillen, T-Shirts, Ketten. Am Tisch vor Hanife Ada stapelt sich so einiges, das verkauft werden soll. Denn die gebürtige Türkin, die mit sechs Jahren nach Österreich kam, sammelt Geld – für eine Frau und deren Kinder, die vor Mann respektive Vater zu fliehen versuchen. „Er schlägt und beschimpft sie, bricht ihnen Knochen, drückt die Zigarette auf dem Rücken der Kinder aus“, erzählt Ada. „Wir wollen ihnen Flugtickets kaufen, damit sie wegkönnen; ein neues Leben anfangen.“

Wie schwer das ist, ist Ada, die bei der Wahl der Österreicher des Jahres 2022 in der Kategorie „Humanitäres Engagement“ nominiert ist, bewusst. Sie blickt auf eine Geschichte voller Schreie, Schläge und Schuldgefühle zurück. „Meine vier Kinder haben mir verziehen, führen ein selbstständiges Leben – aber ich kann mir trotz mehrerer Therapien nicht vergeben, dass ich diesen Mann so habe gewähren lassen.“ Ada, die in Groß-Enzersdorf wohnt, sollte mit 14 Jahren ihren Cousin ehelichen. Um der Zwangsheirat zu entgehen, gab sie einem 18-Jährigen, den sie kurz davor in einer Wiener Straßenbahn kennengelernt hatte, das Jawort. „Ich war in ihn verliebt, bald hatte ich nur noch Angst“, erinnert sie sich. „Von der Hochzeitsnacht an vergewaltigte er mich drei Tage lang, ich wäre fast verblutet.“ Kurz darauf wurde sie schwanger – doch die Schläge hörten nicht auf. „Oft legte ich mich in die Kühltruhe, um mich zu betäuben.“

Langsam lernte Ada, ihm auszuweichen. „Ich dolmetschte, eröffnete eine Boutique, wurde Geschäftsführerin bei Mc-Donald’s“, zählt sie auf. Die Trennung aber gelang nicht. „Ich hoffte, dass jemand ihn anzeigt, ich traute mich nicht, er drohte mit dem Tod unserer Kinder.“ Fast wäre es ihr eigener geworden: Vor zehn Jahren packte sie ein maskierter Mann, schlug auf sie ein und ließ sie in ihrem Blut liegen. „Es sollte wie ein Raubüberfall aussehen, aber ich erkannte ihn – doch er kam davon.“ Vor Gericht stand Aussage gegen Aussage.

Mittlerweile ist Ada geschieden, bekommt eine Invalidenpension – und ist Obfrau der Initiative „Yetis Bacim“, „Hilf mir, Schwester“. „Ich will nicht, dass sich meine Geschichte wiederholt, also warne ich andere: Geht zur Polizei, zum Jugendamt, geht weg.“ Begonnen als Facebook-Gruppe, wurde daraus ein Netzwerk aus rund 16.000 Frauen, das sich bis in die Niederlande erstreckt. Das Ziel: einander helfen, um Gewaltbeziehungen zu entkommen.

„Wir konnten mehr als 700 Frauen retten“, so Ada. „Wir finanzieren uns über Spenden; ich laufe Behörden nach, sammle Kleidung, Essen, mache Flohmärkte.“ Zudem kooperiert sie mit den Frauenhäusern und engagiert sich bei der Initiative StoP, „Stadtteile ohne Partnergewalt“. Denn Ada ist sich sicher: „Es ist nicht privat, sobald du jemanden schreien hörst, ob Kind oder Frau.“

Das Voting für „Österreicher:innen des Jahres“ finden Sie unter: www.diepresse.com/austria22