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Morgenglosse

Ein Sprung ins kalte Wasser für Liz Truss

APA/AFP
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Die neue britische Premierministerin stilisierte sich zur Neuversion von Margaret Thatcher. Jetzt muss sie sich im Praxistest bewähren. Schwieriger könnte ihre Aufgabe kaum sein.

Über zwei Sommermonate, mehrere Abstimmungen in der Fraktion und ein Dutzend Hearings vor Parteimitgliedern hat sich die Suche nach der Nachfolge Boris Johnsons erstreckt. Währenddessen taumelte Großbritannien immer weiter in eine Multi-Krise. Zugleich wurde das politische Vakuum in der Downing Street stetig größer, weil sich Boris Johnson als Premier mit Ablaufdatum nicht mehr zuständig fühlte.

Eine 100-Tage-Schonfrist wird Liz Truss, der neuen Premierministerin, nach der langwierigen Kür nicht vergönnt sein. Sie ist mit der schwersten Krisensituation konfrontiert, seit Margaret Thatcher 1979 ihr Amt als erste Premierministerin des Landes angetreten hat. Schwieriger könnte das Erbe Boris Johnsons kaum sein. Der Fokus von Truss richtet sich auch sofort auf den massiven Anstieg der Energiepreise und der Lebenshaltungskosten infolge einer galoppierenden Inflation, die für viele Briten existenzbedrohend sind.

Ein Sprung ins kalte Wasser für die 47-jährige Regierungschefin, die bis dato viele Portfolios in mehreren Tory-Regierungen übernommen hat, in ihrer Wahlkampagne allerdings das Blaue vom Himmel versprochen hat. „Liz for Leader“, ihr Slogan,  muss nun im Praxistest bestehen.

Ein Intermezzo oder eine Ära?

Anders als die „Eiserne Lady“ Thatcher, als deren Neuversion sie sich gern stilisiert, muss sich Truss erst das Vertrauen der eigenen Fraktion erwerben. Ihr Sieg fiel keineswegs so überzeugend aus, wie dies Umfragen zuletzt signalisiert hatten. Rishi Sunak war in der ersten Wahlrunde der Favorit des Parlamentsklubs, und als Ex-Finanzminister wäre er womöglich besser gewappnet gewesen, die Misere zu meistern. Die bisherige Außenministerin hat es nur mit Müh und Not und einer Schmutzkampagne gegen Penny Mordaunt in die Stichwahl geschafft. Die Besetzung der Schlüsselressorts des Truss-Kabinetts gibt vorerst keinen Hinweis darauf, den moderaten Flügel der Tories einzubinden. Truss fehlt es an Breitenwirkung über die Stammklientel hinaus.

Viele warten ohnehin nur auf erste Fauxpas und Fehler der Premierministerin – und das nicht nur in den Reihen der Opposition um Labour-Chef Keir Starmer. Die Tories sind unbarmherzig mit ihren Vorsitzenden, sobald sie ihre Wahlchancen schwinden sehen. Der Ruf nach einer Rückkehr Boris Johnsons als Retter in der Not könnte nach einer Übergangsphase ertönen. Es wäre keine ganz und gar überraschende Volte in einer turbulenten Zeit. Doch viele dachten auch 1979, dass die Amtszeit von Margaret Thatcher ein Intermezzo bleiben würde.