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Ukraine

IAEA äußert Sorge vor drohendem Gau im AKW Saporischschja

Archivbild vom 1. September, das Team der IAEA macht sich ein Bild von der Lage im AKW Saporischschja.
Archivbild vom 1. September, das Team der IAEA macht sich ein Bild von der Lage im AKW Saporischschja.IMAGO/SNA
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Die Internationale Atomenergiebehörde hält eine Sicherheitszone rund um das Kernkraftwerk für notwendig und formuliert sieben Empfehlungen.

Die Lage rund um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja sorgt weiter für große Unsicherheit. Die Internationale Atomenergiebehörde forderte nach ihren ersten Untersuchungen vor Ort schnelle Maßnahmen, um einen möglichen Atomunfall zu verhindern. "Die IAEA ist weiterhin schwer besorgt über die Lage", schrieb ihr Chef Rafael Grossi am Dienstag in seinem Bericht. Die Situation sei "unhaltbar". Am Dienstag kam es am AKW erneut zu Artilleriebeschuss.

Außerdem gab es in der nahe gelegenen Stadt Enerhodar einen Stromausfall. Dem Besatzungsvertreter Wladimir Rogow zufolge soll es sieben Einschläge im Bereich des Kraftwerk-Trainingszentrums gegeben haben.

Sicherheitszone erforderlich

Es sei dringend notwendig, eine nukleare Sicherheitszone rund um das von russischen Truppen besetzte Kernkraftwerk einzurichten, so Grossi weiter. Alle an dem Konflikt beteiligten Seiten müssten sich darauf einigen, um noch schwerere Schäden durch Kampfhandlungen und den Austritt von Radioaktivität zu verhindern. Ein IAEA-Team unter Grossis Führung war vorige Woche nach monatelangen Verhandlungen und Vorbereitungen zu dem Kraftwerk gereist.

Russlands Verteidigungsministerium warf der Ukraine am Dienstag vor, Saporischschja innerhalb der vergangenen 24 Stunden 15 Mal mit Artillerie beschossen zu haben. Im Gegenzug macht Kiew die russischen Truppen, die das AKW bereits seit Anfang März besetzen, immer wieder für Angriffe auf das Gelände verantwortlich. Die Angaben beider Seiten lassen sich in der Regel nicht unabhängig überprüfen.

Trennung vom ukrainischen Netz

Der gehäufte Artilleriebeschuss erhöhte zuletzt international die Sorge vor einer Atomkatastrophe rund um das größte Kernkraftwerk Europas. Am Montag hatte der ukrainische Betreiber Energoatom zunächst mitgeteilt, dass es beim sechsten und letzten noch betriebenen Block eine Notabschaltung gegeben habe. Später jedoch übermittelte Kiew an die IAEA die Information, der Strombedarf des Kraftwerks werde nach einer erzwungenen Trennung vom ukrainischen Netz weiter von einem im Betrieb befindlichen Reaktor gedeckt.

Der russische Angriffskrieg dauert inzwischen seit 195 Tagen an. In dieser Zeit seien 50.150 russische Soldaten getötet worden, teilte der ukrainische Generalstab am Dienstag per Facebook mit. Außerdem will die ukrainische Armee 2077 Panzer, 4484 gepanzerte Fahrzeuge, 236 Flugzeuge und 207 Hubschrauber abgeschossen haben. Auch für diese Angaben gibt es keine unabhängigen Bestätigungen.

Der IAEA-Bericht beinhaltet sieben Forderungen:

Beschuss

"Der anhaltende Beschuss hat zwar noch keinen nuklearen Notfall ausgelöst, stellt aber weiterhin eine ständige Bedrohung für die nukleare Sicherheit und Sicherung dar, mit möglichen Auswirkungen auf kritische Sicherheitsfunktionen, die zu radiologischen Folgen von großer sicherheitstechnischer Bedeutung führen können."

"Empfehlung 1: Die IAEA empfiehlt, den Beschuss auf dem Gelände und in der Umgebung unverzüglich einzustellen, um weitere Schäden an der Anlage und den zugehörigen Einrichtungen zu vermeiden, die Sicherheit des Betriebspersonals zu gewährleisten und die physische Integrität für einen sicheren Betrieb zu erhalten. Dies erfordert die Zustimmung aller relevanten Parteien zur Einrichtung einer Schutzzone für nukleare Sicherheit und Gefahrenabwehr um das AKW ZNPP."

Sicherheitssysteme

"Die Aufrechterhaltung aller Sicherheitssysteme des ZNPP im Normalbetrieb und des physischen Schutzsystems ist das Ergebnis der Bemühungen des Betriebspersonals. Diese Anstrengungen werden jedoch unter sehr schwierigen Bedingungen unternommen, da militärisches Personal und Ausrüstung sowie Vertreter von Rosatom auf dem Gelände anwesend sind."

"Empfehlung 2: Die IAEA empfiehlt, dass das physische Schutzsystem so betrieben wird, wie es konzipiert und genehmigt wurde, und dass das kontinuierliche Funktionieren der Sicherheits- und Sicherungssysteme sowie die Betriebsfähigkeit der Systeme und Ausrüstungen im AKW ZNPP gewährleistet werden. Dies erfordert die Entfernung von Fahrzeugen aus Bereichen, die den Betrieb der Sicherheits- und Sicherungssysteme und -ausrüstung beeinträchtigen könnten."

Bedingungen für das Personal

"Das ukrainische Personal, das die Anlage unter russischer Militärbesatzung betreibt, steht unter ständigem hohem Stress und Druck, vor allem, weil nur wenig Personal zur Verfügung steht. Dies ist nicht tragbar und könnte zu vermehrten menschlichen Fehlern führen, die sich auf die nukleare Sicherheit auswirken. Das Betriebspersonal muss in der Lage sein, seine wichtigen Aufgaben zu erfüllen, ohne dass Drohungen oder Druck nicht nur seine eigene Sicherheit, sondern auch die Sicherheit der Anlage selbst gefährden, und es muss jede erforderliche Unterstützung für die Gesundheit des Personals und seiner Familien bereitgestellt werden. ..."

"Empfehlung 3: Die IAEA empfiehlt, dass für das Betriebspersonal wieder ein angemessenes Arbeitsumfeld, einschließlich der Unterstützung der Familien, geschaffen werden sollte. Da der Betreiber die Hauptverantwortung für die nukleare Sicherheit und Sicherung trägt, sollte er außerdem in der Lage sein, seinen Auftrag mit klaren Verantwortlichkeiten und Befugnissen zu erfüllen."

Außerbetriebliche Leistungen

"Bei mehreren Gelegenheiten fiel die externe Stromversorgung des ZNPP aufgrund militärischer Aktivitäten in der Region ganz oder teilweise aus. Die Stromversorgung außerhalb des Standorts ist für den weiteren sicheren Betrieb der Anlage unerlässlich."

"Empfehlung 4: Die IAEA empfiehlt, dass die Redundanz der externen Stromversorgungsleitungen wie vorgesehen wiederhergestellt und jederzeit verfügbar sein sollte und dass alle militärischen Aktivitäten, die die Stromversorgungssysteme beeinträchtigen könnten, eingestellt werden."

Versorgungsketten

"Empfehlung 5: Die IAEA empfiehlt, dass alle betroffenen Parteien sich verpflichten und dazu beitragen sollten, wirksame Versorgungsketten für die Aufrechterhaltung der nuklearen Sicherheit und der Sicherung der Anlage unter allen Bedingungen, einschließlich sicherer Transportkorridore, zu gewährleisten und dabei gegebenenfalls das Hilfs- und Unterstützungsprogramm der IAEA zu nutzen."

Notfallvorsorge

"Empfehlung 6: Die IAEA empfiehlt, dass (1) die Notfalleinsatzfunktionen geübt und trainiert und die Notfalleinrichtungen zur Unterstützung dieser Funktionen wiederhergestellt werden sollten, und dass (2) die Bereitschaft durch regelmäßige Schulungen, klare Entscheidungsketten und leicht verfügbare Kommunikationsmittel und logistische Unterstützung wiederhergestellt werden sollte."

Kommunikation

"Seit Beginn des Konflikts ist ein Mangel an Kommunikationsmitteln und -kanälen zu beobachten. Dieser kritische Mangel verschlimmert nur die derzeitigen Herausforderungen bei der Aufrechterhaltung des sicheren Betriebs der Anlage mit angemessener behördlicher Aufsicht und bei der Gewährleistung einer wirksamen Reaktion auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene auf Ereignisse im Bereich der nuklearen Sicherheit oder Sicherung."

"Empfehlung 7: Die IAEA empfiehlt, dass zuverlässige und redundante Kommunikationsmittel und -kanäle, einschließlich Internet- und/oder Satellitenverbindung, mit allen externen Organisationen, die für den sicheren Betrieb der Anlage erforderlich sind, sichergestellt werden sollten."

(APA/Reuters/dpa)