Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Rodriguez-Film: Rachefeldzug und revolutionäre Politik

(c) AP (Joaquin Avell�)
  • Drucken

Danny Trejo als "Machete": Der Tribut an B-Film-Reißer kombiniert furiose Action mit einer klaren Kampfansage. Der Actionspaß mit chilischarfen Latino-Ingredienzen ist ab Freitag bei uns im Kino zu bestaunen.

Wo einen heute viele überlange Blockbuster mit dem Gefühl zurücklassen, man hätte sich lieber nur den Trailer angesehen, stellt Machete das Gegenteil unter Beweis: Der Film ist tatsächlich aus einem Trailer entstanden – und mit lustvoll übertriebenem Schwung löst er auch so gut wie alles ein, was der versprochen hat. Der Trailer war 2007 Teil des Grindhouse-Projekts von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez: Ihr Tribut an die Doppelvorstellungen von reißerischen Actionfilmen in Schmuddelkinos der Siebzigerjahre war in der Originalform eben als double feature angelegt. Tarantino steuerte das Autoraser-Stück Death Proof bei, Rodriguez den Trash-Horrorfilm Planet Terror, dazu gab es in Manier der alten Vorführungen ein paar gefälschte Werbungen und vier Trailer für (fiktive) Filme: Darunter eben Machete von Rodriguez, in dem er seinen Leib-und-Magen-Nebendarsteller Danny Trejo als mexikanischen Actionhelden in Szene setzte, ganz im Stil räudig-rüder Seventies-Exploitationfilme.

 

Von Anfang an: Schlag auf Schlag

Grindhouse war aber ein (relativer) Flop an den US-Kassen: Das Konzept kam beim Publikum nicht an, teilweise verließ es die Vorstellungen, bevor der zweite Film des Pakets begann. So kamen in Europa die beiden Filme unabhängig voneinander ins Kino: Immerhin hatte man dabei den Machete-Trailer als Vorspiel zu Planet Terror belassen.

Der Vorspann des fertigen Machete-Films erinnert aber nicht nur in seiner irren Rasanz an den Ursprung: Wie alle Teile des Grindhouse-Projekts ist er mit künstlichen Kratzern und anderen liebevoll nachgemachten Alterserscheinungen ausgestattet, um das rechte Flair von abgespielten Schundfilmkopien zu vermitteln. Vor allem aber geht es Schlag auf Schlag: Der Titelheld, da noch als mexikanischer Polizist tätig, rast auf ein Gangsterversteck zu (sein treuer Partner stirbt im Maschinengewehrkugelhagel), ein paar Nahkämpfe – blutiges Enthauptungs-Rondo inklusive – später scheint das Ziel erreicht: die Rettung einer jungen und selbstverständlich splitternackten Sexbombe. Die sich prompt als Verräterin erweist: Machete verliert binnen Sekunden Familie, Beruf und Berufung, wird gedemütigt im flammenden Inferno zurückgelassen.

 

Der perfekte Billigfilm-Held

Machete ist einerseits typisch für das Tarantino-Rodriguez-Universum: Fan-Liebe für despektierliche Genres, coole Wiederbelebung von politisch garantiert unkorrekter Unterhaltung. Die Coolness lockt auch interessante Darsteller: Im exquisiten Ensemble von Machetespielen neben dem vernarbten, tätowierten, zerknitterten – kurzum: perfekten – Billigfilm-Helden Danny Trejo u.a. Michelle Rodriguez, Jessica Alba, Robert De Niro, Cheech Marin und Don Johnson. Alle zeigen enthemmte Spielfreude. Nur Steven Seagal kann halt einfach nicht anders, als grimmig zu schauen: ein idealer Schurke.

Andererseits hat Machete aber eine für Tarantino-Rodriguez ungewohnt klare politische Stoßrichtung. Wie in vielen Italowestern wird revolutionäre Politik verhandelt. Nach dem Vorspann springt der Film ins Heute: Machete, Jahre später in den USA dahinvegetierend, soll ein Attentat verüben: Auf einen texanischen Senator, der mit ausländerfeindlicher Politik Stimmen fängt (seine Werbespots setzen Immigranten mit Kakerlaken gleich) und von De Niro als höhnische Tea-Party-Karikaturkombination gespielt wird. Doch wird Machete bei dem Deal betrogen: Es folgt ein Rachefeldzug, der vor allem als Serie furioser Actionszenen abläuft – Rodriguez, sonst oft ein etwas schludriger Regisseur, inszeniert hier gemeinsam mit seinem bisherigen Cutter Ethan Maniquis messerscharf auf den Punkt.

Der Actionspaß mit chilischarfen Latino-Ingredienzen ist aber auch eine klare Kampfansage: Wo im verkrusteten Hollywoodsystem mit Glacéhandschuhen „Politik“ gemacht wird, setzt Machete in befreit-beschleunigter B-Film-Tradition einen groben Keil auf einen groben Klotz. Gegen Rassismus, Faschismus und Korruption ziehen – in der bewährten Gestalt von sexy Actionheldinnen – die verschiedenen Kräfte ins Feld: Reformer (Alba), Revolutionäre (Rodriguez) und umgedrehte Reaktionäre (erheiternd selbstironisch: Lindsey Lohan). Die politische Analyse ist dabei genauso unsubtil wie der Rest des Films, darin liegt auch der Reiz. Machete hat Direktheit, Witz und Wut. Etwa wenn Rodriguez' als Taco-Verkäuferin getarnte Untergrundkämpferin sagt: „I fill the bellies of the proletariat with something other than hate.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2010)