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Die Anwesenden sind Pädagogen, Eltern, Clowns und Kinder. Es ist nicht schlimm, dass ich da nirgends dazugehöre.
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Essay

Ein Auftritt mit Pannen

Eine Glocke läutet, das Licht geht aus. Ein Bauchredner betritt die Bühne. Aus seiner rechten Hand wächst ein zerzauster Bär, der schlecht hört und permanent nicht kapiert, was sein „Herr“ von ihm will. Über den Trost der Kleinkunst in einer Welt, die einen oft überfordert.

Es ist ein heißer Samstag im Juni, und ich bin innerlich gestresst. In wenigen Tagen soll ich für eine Lesung und eine Podiumsdiskussion nach Berlin fliegen, und da ich eine nervöse Reisende bin, kann ich schon seit Wochen nicht gut schlafen und stelle mir alle möglichen Horrorszenarien vor, die unterwegs eintreten könnten: Probleme mit dem Flug oder dem Hotel, das Vergessen oder Verlieren überlebenswichtiger Dinge, ein Unfall, eine Krankheit, diverse Peinlichkeiten, Missverständnisse und dergleichen mehr. So sehr ich die Ehre zu schätzen weiß, meine Gedichte bei internationalen Poesiefestivals lesen zu dürfen, kann ich dennoch die innere Unruhe niemals abschalten, die vor jeder Reise an mir nagt, das rasende Herz, das unangenehme Flimmern im Bauch, die Versagensängste.

An diesem Samstag bin ich zum ersten Mal seit Langem zu einer kleinen Geburtstagsfeier eingeladen. „Beginn: 14 Uhr“ stand in der E-Mail, und außerdem: „Buffet und Programm“. Programm? Keine Zeit zu recherchieren, worum es da geht; zumindest unter „Buffet“ kann ich mir etwas vorstellen. Während ich mit der Schnellbahn in die Stadt fahre, stelle ich mir innerlich die Fragen, die mich viel zu oft beschäftigen: Warum bin ich erwachsen? Warum bin ich jemand, dem zugetraut wird, in eine andere Stadt zu fliegen, mit Fremden zu reden, Small Talk zu führen, Geld zu verdienen, Papierkram zu erledigen, all diese Dinge? Ich steige aus, lasse mich vom Navi auf dem Smartphone zu Fuß durch die Straßen dirigieren. Vor geraumer Zeit hat mich das Erwachsensein überrumpelt, quasi nachts im Schlaf, und nach all den Jahren verfüge ich immer noch erst über wenige, vereinzelte Hinweise darauf, wie es funktioniert. Was will diese Welt von mir, wie kann ich ihr genügen – und was soll ich eigentlich von ihr wollen? Noch während ich darüber nachdenke, bin ich bereits am Ziel angekommen, steige die Kellertreppe hinab und befinde mich im Foyer eines winzigen Theaters, in dem regelmäßig Clowns, Bauchredner und andere Kleinkünstler auftreten. Heute ist es nur eine geschlossene Gesellschaft aus knapp zwanzig Personen, die sich hier eingefunden hat, um Geburtstag zu feiern. Die Anwesenden lassen sich leicht in vier Gruppen einteilen, die sich teilweise überschneiden: Pädagogen, Eltern, Clowns (durchaus im wörtlichen Sinne: also Menschen, die als Clowns auftreten) und Kinder. Es ist nicht schlimm, dass ich da nirgends dazugehöre, alle sind herzlich zu mir.