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Zeitgeschichte

Der letzte Jude in Amstetten

Simona und Harry zu Chanukka. Netanja, Israel 1952.
Simona und Harry zu Chanukka. Netanja, Israel 1952.[ Foto: privat]
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Nach 1945 gab es da und dort wieder Juden in Niederösterreich, aber man wusste wenig von ihnen, man sah sie nicht. Harry Greger in Amstetten war einer dieser Unsichtbaren. Nun ist er gestorben.

Als sein Vater 1951 das erste Mal wieder zurückkam, wurde er mit der vorwurfsvollen Frage begrüßt, warum er denn noch lebe. „Man war halt erstaunt“, sagte Harry, „dass es jemanden von uns noch gab.“ Vielmehr, es muss eine unangenehme Überraschung gewesen sein. Damals war die Familie von Fritz Greger noch in Israel und Harry, der 1949 in Chadera, einer Kleinstadt zwischen Tel Aviv und Haifa, geboren worden war, zwei Jahre alt. Wann immer er mir von Israel erzählte, waren es nur schöne Erinnerungen, auf den Fotos von damals sieht man lachende Kindergesichter. Wenig später war es damit vorbei, als sich Harrys Vater, Fritz Greger, entschloss, nach Amstetten zurückzukehren. Beim zweiten Mal sollte es für immer sein. Einen Tag nach der Ankunft im November 1954 ging er ins Rathaus von Amstetten, um sich und seine Familie anzumelden. Er nahm seine Kinder mit: Simona war damals gerade zwölf, Harry fünf Jahre alt. Diesmal wollte sich Fritz Greger eine blöde Begrüßung ersparen. Er las von dem Schild an der Tür des Einwohnermeldeamtes den Namen des zuständigen Beamten ab, dann klopfte er an, trat in den Raum und sprach den Beamten mit seinem Namen an, als würde er ihn kennen: „Herr . . ., darf ich Ihnen meine Kinder vorstellen?“

Freundlichkeit, gute Manieren und Humor, das hörte ich irgendwann auch von anderen, die sich an ihn erinnern konnten, zeichneten Fritz Greger aus. Und genau so habe ich auch Harry erlebt. Obwohl er schon schwer von Parkinson gezeichnet war, als ich ihn 1998 kennenlernte, ließ er es sich nicht nehmen, mich bei jedem meiner Besuche persönlich an der Haustür zu begrüßen, und wenn ich ging, genügte es ihm nicht, dass mich seine Frau hinausbegleitete: Er fühlte sich bemüßigt, mir in den Mantel zu helfen, und ging bis ans Gartentor mit, jedes Mal mit der Bitte, ihn und seine Frau doch bald wieder zu „beehren“.

Harry hieß eigentlich Zwi-Abraham, so stand es ja auch in seinem Pass. Zwi nach dem verstorbenen Großvater in Litauen, Abraham nach dem in Treblinka ermordeten Großvater aus Amstetten. Das wurde mir aber erst kurz vor Harrys Begräbnis bewusst, als ich mit seiner Frau nach Dokumenten suchte. Die in Chadera ausgestellte Geburtsurkunde, natürlich auf Iwrit, enthält eine notariell beglaubigte deutsche Übersetzung: „Fritz, Sohn des Abraham Greger“ ist in der Rubrik Vater eingetragen. Harrys Großvater ist mir auf allen Dokumenten immer nur als Adolf Greger begegnet, so stand es auch groß auf dem Geschäftsschild, und man kann es deutlich auf jenem Foto sehen, das am 14. März 1938 aufgenommen wurde: Hitler in der Mercedes-Limousine stehend, als er gerade in den Hauptplatz von Amstetten einfährt, am Kaufhaus Greger vorbei. Fast auf Augenhöhe die großen Buchstaben ADOLF GREGER, die damals nur den einen Schönheitsfehler hatten, dass sie einen jüdischen Namen bildeten.