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Literatur

Badens Juden: Ihre Glanzzeit, ihre Vernichtung

Elie Rosen führt zu jenen Stellen in Baden, die einst vom jüdischen Leben geprägt waren.

Es sei, so schreibt der Autor Elie Rosen, „bis zum heutigen Tag alles andere als ein leichtfüßiges Unterfangen“, früheres jüdisches Leben in Baden bei Wien literarisch flanierend näherzubringen. Nein, leichtfüßig ist dieses Buch wirklich nicht. Über manche Strecken ist es eine bittere Abrechnung mit dem Antisemitismus des 20. Jahrhunderts, aber auch mit der abweisenden Haltung der „schwarzen“ Stadtpolitik nach 1945. Elie Rosen hat sich in den Achtzigerjahren stark gemacht für die Renovierung der abbruchreifen Badener Synagoge, die von der Wiener Kultusgemeinde an den Rewe-Konzern hätte verkauft werden sollen.

Vom k.u.k.-Generalstabschef Franz Conrad (von Hötzendorf) hält er nicht viel, ohne weitere Erklärung („Kriegstreiber“ genügt ihm). Doch hier geht es um jüdische Persönlichkeiten, die entweder hier in Baden aufwuchsen oder als Kurgäste dem Städtchen ihr Gepräge verliehen. Und das ist eine repräsentable Schar, beginnend beim Theatermagier Max Reinhardt, dem fast schon vergessenen Schriftsteller Hugo Bettauer oder dem Medizin-Nobelpreisträger Karl Landsteiner, Entdecker und Erforscher der Blutgruppen, Sohn des „Presse“-Chefredakteurs Leopold Landsteiner. Sie alle taten ihre ersten Schritte in dem kleinen Städten namens Baden bei Wien. Bei der Volkszählung 1934 gaben 1108 Menschen ihr Religionsbekenntnis als „israelitisch“ an, das entsprach etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung.

Andere kamen als prominente Kurgäste, wie etwa Arthur Schnitzler, der hier seine Leidenschaft für das neuartige Fahrrad entdeckte, wieder andere ließen sich in Baden gleich eine Villa bauen - so etwa der Großhändler Philipp Schey, den man nobilitierte und dem Namen „von Koromla“ anfügte. Sein ansehnliches Vermögen steckte er in soziale Institutionen und religiöse Vereine, auch in den Bau der Synagoge von Güns.

 

Das „göttliche Helenental“

Zur Crème de la Crème der Wiener Juden zählte zweifellos Adam Nathan Freiherr von Arnstein, Geschäftsführer des Bankhauses Arnstein & Eskeles, Gatte eine bezaubernden Salonière namens Fanny, geborene Vögele Itzig. Beide schätzten das Landleben, die gute Luft, das „göttliche Helenental“ und ihr Landhaus. Als das Marienspital gebaut werden sollte, übergab Fanny 6.600 Gulden, „welche sie von den Israeliten als Beitrag durch Collecte“ erhalten hatte.

Wer heute im Kurpark flaniert, wird durch einen Gedenkstein an den Kurgast Moritz Gottlieb Saphir erinnert, Schriftsteller und Redakteur der „Theaterzeitung“ im Vormärz. Auch Gustav Ritter von Epstein hinterließ hier seine Spuren. Vor seiner Pleite, als er noch über ein schwindelerregendes Vermögen verfügen konnte, ließ er in den Weinbergen nach Plänen Otto Wagners eine pompöse Villa erbauen, fast so beeindruckend wie sein Wiener Palais an der Bellaria. Der Traum währte nicht lange.

Auch die Familie des Bierbrauers und Philanthropen Adolf Ignaz Mautner von Markhof suchte hier eine standesgemäße Sommerfrische und ließ sich in zwei Villen nieder. An ihn erinnert ein Pavillon im Kurpark.

In ihrer Villa in der Helenenstraße verbrachten Hugo Wiener und seine Cissy Kraner sehr viel Zeit. Hier entwarf Wiener unvergessliche Couplets und so manche Doppelconference für Karl Farkas und Ernst Waldbrunn.

Neu erschienen

Elie Rosen

„Jüdisches Baden. Entdeckungsreisen, Spurensuche, Stadtwanderungen.“

Amalthea Verlag. 213 S., 27 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2022)