Mein französischer Reisekollege misstraut den Berichten über die Ukraine. Er wollte sich selbst ein Bild machen und betrat das Land im Kriegszustand zum ersten Mal.
Ich lernte diesen revoltierenden Franzosen kennen, als er mich im August über einen slowakisch-ukrainischen Grenzübergang mitnahm. Die französischen Journalisten würden „lügen, lügen, lügen“, schimpfte er in seiner aufgebrachten Art los, insbesondere der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg misstraute er. Er war in seinem Geländewagen aufgebrochen, „um die Wahrheit zu finden“. Ich war vierzigmal in der Ukraine gewesen, er betrat das Land im Kriegszustand zum ersten Mal.
Er reiste ohne Plan, ungefähr dem guten Wetter folgend, im Sommer durch Osteuropa, im Herbst dann vermutlich Richtung Indien runter. Er war ein schlanker kerniger Typ, der nach Mitte 50 aussah, bei Abnahme seines schmalkrempigen Hütleins nach Ende 70. Er lebte im Jeep. Obwohl er wirkte, als würde er im nächsten Moment den Grenzbalken überfahren, schlossen ihn Grenzerinnen und Grenzer ins Herz. Die rückwärtigen Türen seines Jeeps wurden von einer Holzstange zusammengehalten, an deren oberen Ende ein kleiner Feuerlöscher montiert war, und auf dem Dach war ein Kunststoffgehäuse von der Größe eines Zwei-Personen-Sargs befestigt. Diese Schlafschale, in der er gar nicht schlief, pflegte Zollbeamte in einer Weise zu hypnotisieren, dass sie den Rest des Wagens nicht mehr untersuchten.
Er grüßte überall mit „Bonjour!“
In Weißrussland hätte man den revoltierenden Monsieur für einen Nato-Spion halten können, in der Ukraine für einen prorussischen Saboteur, dennoch wurde er umstandslos in diese Länder reingelassen. Er war einfach zu echt. Egal, wo er hinkam, grüßte er mit „Bonjour!“. Da ich der Erste seit Wochen war, mit dem er französisch reden konnte, brach es sturzbachartig aus ihm hervor. Er beklagte, wie wenige Osteuropäer Englisch sprachen. Sein Englisch war allerdings auch keins. Seine Weltanschauung war eine französische Spielart von „Anti-System“, von linksrechtem antiglobalistischem Souveränismus. Obwohl er ein Leben lang Unternehmer gewesen war, wünschte er französischen Erwerbstätigen einen höheren Mindestlohn, und obwohl er einen nationalistischen Sound hatte, störte ihn nicht im Geringsten, dass sich seine Tochter aus Liebe zu einem senegalesischen Muslim halal ernährte. Er schaute jede Woche „Stratpol“, einen Youtube-Kanal, in dem Putins Krieg auf Französisch verteidigt wurde. Das Hauptproblem des Bretonen war „Frankreichs Unterordnung unter Amerika“. Diese wurde für ihn von Präsident Macron verkörpert. Da er „an Macron keine Steuern bezahlen“ wollte, hatte er im Vorjahr seine Firma in der Holzbranche verkauft. Am längsten hatte behielt er sich noch den Traktor behalten – zum Demonstrieren. „Traktorproteste“, wusste der erfahrene Aufrührer, „sind das Einzige, vor dem die Regierung einknickt.“ Nach seinen Erzählungen zu schließen, war die Ausbeute seiner Wahrheitssuche auf der einen Seite noch miserable. Er hatte 28 Tage lang Weißrussland bereist, war dort in Unkenntnis einer Schnellstraßen-Vignettenpflicht viermal geblitzt und bei Nacht auf einem Schnellstraßen-Parkplatz mit vier mal 100 Euro bestraft worden, gesprochen hatte er in den 28 Tagen mit niemandem.