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Buch der Woche

Juri Andruchowytsch: Mehr live geht nicht auf der Welt

Juri Andruchowytsch
Juri Andruchowytsch(c) imago/CTK Photo (imago stock&people)
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Ironie und tiefe Traurigkeit, biografische Details und kreatives Flunkern: Juri Andruchowytschs„Radio Nacht“ ist ein Sprachkunstwerk voll hochaktueller Bezüge, eine Liebeserklärung an die Musik und ein Zeitroman.

Nächtliche Monologe eines Mannes auf einer abgelegenen Insel, die über Internetradio auf der ganzen Welt empfangen werden können. „Ich werde Sie bestimmt nicht retten und Ihnen auch kaum irgendwie helfen können. Aber ich werde Ihre Nacht mit Schlaflosigkeit füllen“, verheißt der Mann. Sein Name ist Josip Rotzky. Doch das erfährt man erst einmal nicht von ihm selbst, sondern von seinem Biografen, der diesen Roman aus der Ich-Perspektive erzählt. „Josip Rotsky. Ein prätentiöser Hybrid aus Brodski und Roth“, kommentiert er den Namen des Mannes, den er im Visier hat. Liest man den Roman, stellt sich heraus, dass Rotzky kaum etwas mit den beiden zu tun hat (und mit Trotzki ebenso wenig), sondern dass der Name einfach Teil des ironischen Feuerwerks von Sprachspielen ist, das Juri Andruchowytsch auch in seinem jüngsten Roman abbrennen lässt.

Diese Ironie überzieht das ganze Ensemble der Ortsnamen; dabei mischen sich erfundene unter ganz reale – Rotzkys Heimatstadt in den Karpaten heißt Nashorn, aber er kommt auch ins schweizerische Zug. Akribisch genau dargestellte Realitätspartikel und surreale Erfindungen sind das Markenzeichen der Erzählweise von Juri Andruchowytsch – und eine historische Tiefenschärfe (Josip Rotzky hatte schon ein erstes Leben an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert!), die ebenfalls nie ironiefrei ist.

Dass Ironie allenthalben aus und zwischen den Sätzen hervorlugt, wird schon am Beginn der Selbstvorstellung des namenlosen Biografen deutlich, wenn er erzählt, dass ihn das „Internationale Interaktive Biografische Komitee (IIBC)“ für seine Arbeit beauftragt hat; ähnliche Namensungetüme tummeln sich immer wieder in diesem Roman und sind ein deutliches Zeichen dafür, dass es ihm nicht um eine zielgerichtete Satire geht, sondern um eine luzide Ironie, die jede Perspektive unterminiert und das Erzählen selbst nicht davon ausnimmt.