Wieso will mir der lecker(e) Kuchen nicht schmecken?

Ein Adjektiv, an dem man früher die Deutschen erkannte, wird in Österreich immer heimischer. Neuerdings auch in ungebeugter Form.

Lecker Kuchen“, las ich unlängst auf der Tageskarte eines Lokals am Wiener Brunnenmarkt und dachte: So weit ist es also schon gekommen! Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als Wiener Eltern einem sonst feschen und braven Jüngling die Hand ihrer Tochter verweigerten, weil er den Topfenstrudel „lecker“ genannt hatte, da musste er gar nicht erst „Käsekuchen“ sagen.

Mittlerweile ist „lecker“ offenbar schon so tief in den österreichischen Wortschatz eingedrungen, dass wir eine Besonderheit dieses Wortes übernehmen: dass es oft nicht dekliniert wird, dass man eben „lecker Kuchen“ statt „leckerer Kuchen“ sagt. Das erste Mal habe ich dergleichen beim Kabarettisten Helge Schneider gehört, dann von „Presse“-Filmredakteur Christoph Huber (der Helge-Schneider-Fan ist), dann von einer Bekannten (die gerne Christoph Huber liest). Es könnte sich also um einen grammatikalischen Virus handeln. Aber wie hätte sich der auf eine Speisekarte übertragen?

Nur spekulieren kann ich auch, wieso sich in Wien der Widerwille gegen dieses Wort so lange gehalten hat. Ein Grund könnte sein, dass der Wiener das Verb „lecken“ nur im Imperativ in Kombination mit dem Objekt „mich“ (und einer Ortsbezeichnung) aktiv verwendet. Dafür verstehen die meisten Deutschen das Wort „Schlecker“ nicht – zumindest nicht so wie wir, also als durch Zungenbewegungen zu verzehrende, auf einem Staberl affichierte Zuckerspeise, sondern höchstens als Synonym für „Zunge“. Für österreichische Kinder wiederum ist schwer einsichtig, dass es in einem Geschäft namens „Schlecker“ nichts Süßes, sondern nur Seifiges gibt.

Eine grundsätzlichere Erklärung für unsere Abneigung gegen „lecker“ könnte sein, dass es oft überflüssig ist. Wenn ein Lokal seinen Kuchen mit diesem Adjektiv vermarktet, impliziert das ja geradezu, dass dieser dort an anderen Tagen nicht schmackhaft sei. Ähnliches gilt freilich für alle Speisekartenattribute von „herzhaft“ (das man am ehesten vor einem Kalbsherz in Wurzelrahmsauce akzeptieren würde) über „deftig“ bis „reichlich garniert“. Es geht auch schlichter. Ich erinnere an die frühen Tage des löblichen Wiener Lokals „Fluc“: Auf der (nicht wirklich üppigen) Karte fand man dort Weißwein, Rotwein und „guten Rotwein“. Auf meine unschuldige Frage, ob es denn auch guten Weißwein gebe, war die Antwort knapp: Nein. Und so war es auch.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2010)

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