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Der ökonomische Blick

Können extreme Wetterereignisse die Rezession verstärken?

Ein Jahr nach der Flut - Ahrtal
Die Überschwemmungen im Juli 2021 verursachten in Europa Schäden von schätzungsweise 54 Milliarden US-Dollar (im Bild: das deutsche Ahrtal).APA/dpa/Boris Roessler
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Ein extremer Klimaschock könnte abgesichts der sich abzeichnenden Rezession der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Die negativen Auswirkungen von Extremwetterereignissen auf das Wirtschaftswachstum sind in ärmeren Staaten wohl belegt. In reicheren Ländern – wie Österreich – ist die Beweislage jedoch unklar. Doch angesichts der sich abzeichnenden Rezession könnte ein extremer Klimaschock der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.  

Extreme Wetterereignisse, von Hitzewellen und Dürren über Überschwemmungen bis zu Orkanen oder Wirbelstürmen, können menschliche Aktivitäten – wie unlängst die Regenflut in Pakistan, mit ihren weit über 1000 Toten, wieder drastisch in Erinnerung ruft – extrem beeinträchtigen. Und auf dem momentanen Pfad der globalen Erwärmung wird sich die Wahrscheinlichkeit sowie Frequenz solcher extremen Ereignisse erhöhen, wie der Bericht des Weltklimarats IPCC von 2021 hervorhebt.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Allein die Überschwemmungen in Europa im Sommer 2021 haben schätzungsweise 54 Milliarden US-Dollar an Schäden verursacht. Aber wie sich diese meist lokal begrenzten Ereignisse auf die gesamtwirtschaftliche Dynamik überträgt, ist weniger eindeutig. Aus der pragmatischen Sicht der Makroökonomie kann eine dahingeschwemmte Heimat Potential sein, die Infrastruktur am selben Ort wertschöpfend wieder aufzubauen. Was dieses Beispiel verdeutlichen soll: Volkswirtschaften können lokale Ausschläge auch kurzfristig auffangen und damit meist lokal begrenzte Naturkatastrophen in aggregierten Indikatoren verdecken.

Abgesehen von ihrer markantesten Ausprägung als Naturkatastrophe besteht ein Teil des Problems darin, extreme Wetterereignisse in einem makroökonomischen Kontext richtig zu bewerten. Zieht man schlicht Temperatur- oder andere Wetterphänomene heran, kann das bedeuten, deren Wirkungsweise nicht richtig zu erfassen: Aus einer makroökonomischen Perspektive könnte die Industrieproduktion graduelle Veränderungen dieser Klimaindikatoren antizipieren und daraufhin sich adaptieren. Darin könnte eine mögliche Erklärung liegen, warum klassische Wetterinformationen bisher nicht mit den makroökonomischen Aggregaten trivial in Beziehung gebracht werden können.

Ein Indikator, der einerseits anstrebt, das unerwartete Element sowie die jüngere Veränderung abzubilden, ist der European Extreme Events Climate Index (E3CI). Gemessen an einem Referenzzeitraum (1981-2010) fasst dieser extreme Ausreißer in Temperatur, Niederschlag, sowie Windintensität auf monatlicher Basis jeweils für die Staaten Europas zusammen.

Analyse zur Lage in Österreich

In einer empirischen Analyse, wie unvorhersehbare Wetter-Ausreißer die österreichische Wirtschaft betreffen können, modellieren wir klassische makroökonomische Größen, wie das Wachstum der Industrieproduktion, Arbeitslosigkeit, Inflation und den kurzfristigen Zinssatz, als in sich abhängiges System und führen als äußeren Einfluss den E3CI-Index für Österreich ein. Dabei berücksichtigt unser statistisches Modell explizit auch die Reaktion der Ökonomie in konjunkturell guten sowie schlechten Zeiten, was uns ermöglicht, eine unterschiedliche Resilienz gegenüber unerwarteten Wetterextremen zu erfassen. In diesem Rahmen können wir Schlussfolgerungen ziehen, wie sich eine einmalige Abweichung des Index im Zeitverlauf im makroökonomischen System niederschlägt. Um eine Veränderung, etwa der wirtschaftlichen Resilienz gegenüber diesem Ausreißer oder deren Einfluss selbst, über die Zeit abzufangen, führen wir unsere Schätzung getrennt für zwei Zeitperioden durch: Von Anfang der Achtziger bis zum Millennium sowie von dort bis zum Ende 2017.

Abbildung: Reaktion der Industrieproduktion in Prozent auf extremen Wettershocks. Linkes Panel: Periode vor Jan. 2000, rechter Panel: Periode nach 2000. Grüne Flächen beziehen sich auf Ausreißerereignisse in konjunkturell guten Zeiten, rotbraune in konjunkturell schlechten.
Abbildung: Reaktion der Industrieproduktion in Prozent auf extremen Wettershocks. Linkes Panel: Periode vor Jan. 2000, rechter Panel: Periode nach 2000. Grüne Flächen beziehen sich auf Ausreißerereignisse in konjunkturell guten Zeiten, rotbraune in konjunkturell schlechten.

Die Abbildung verdeutlicht, dass es seit dem Millennium zu einem Strukturwandel in der wirtschaftlichen Reaktion auf Schocks von Extremwetterereignisse gekommen ist. In den 80er und 90er Jahren (linkes Panel) hat ein Schock in konjunkturell guten Zeiten (rotbraune Fläche) zu einer Steigerung der industriellen Produktion geführt, während derselbe Schock in konjunkturell schlechten Zeiten (grüne Fläche) nicht signifikant war.  In den letzten zwanzig Jahren (rechtes Panel) hat sich dieses Bild gedreht und ein Klimaschock in konjunkturell guten Zeiten (rotbraune Fläche) führt zu einem Einbruch des Industrieproduktion für knapp drei Jahre.

Unsere Ergebnisse implizieren, dass die steigende Häufigkeit von extremen Wetterereignissen, verbunden mit einer stärkeren Verflechtung und Abhängigkeit der Industrieproduktion das Wirtschaftswachstum auch innerhalb von Europa potentiell nachhaltig schädigen könnte. Vor allem in Zeiten höherer Konjunktur — wie nach einer Krise — könnten extreme Wetterereignisse den Aufschwung signifikant bremsen.

Die Autoren

Tamás Krisztin ist Senior Research Scholar an der International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). In seiner Forschung befasst er sich mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandel vor allem auf Preise und Landnutzung. Er ist Lektor and der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Diplomatischen Akademie.

Leopold Ringwald ist Researcher an der International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Auswirkung des Klimawandels auf makroökonomische Indikatoren.

Tamás Krisztin, Leopold Ringwald
Tamás Krisztin, Leopold Ringwald

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