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Mein Freitag

Meine Herzklappe steht nicht in der Schlange

REUTERS
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Einer stellt sich vor der Ausschank an und bestellt acht Bier für seine Freunde, wenn er drankommt.

Unlängst hat mir meine Herzklappe geschrieben. Zumindest nannte sich der Absender des E-Mails so („Meine Herzklappe“), und auch wenn es nicht das erste Mal war, dass mir „meine“ (Vorteile, Steuertipps, Zollsendung) geschrieben haben, hatte die Herzklappe doch eine besondere Qualität und erschreckte mich für eine Sekunde. Ich fühlte mich ertappt.

Wahrscheinlich passiert das eher Menschen, die noch den Sketch von Otto Waalkes im Ohr haben, wie die Organe eines Menschen hektisch miteinander kommunizieren („Milz an Großhirn: Soll ich mich auch ballen?“). Darüber haben wir uns damals schiefgelacht. Ottos Humor funktioniert heute nicht mehr so gut, vieles hat sich verändert.

Der Ostfriese war durchaus anarchistisch und ein Ketzer („Der Weiher trüb, die Luft ist rein – Franz Josef muss ertrunken sein“ – in Anspielung auf den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß), dem breiten Publikum war er dann aber vor allem durch pubertären Humor lieb. Nicht erwachsen werden dürfen allerdings nur Rocklegenden, von Schmähbrüdern wird erwartet, dass sie sich weiterentwickeln.

Der Humor sagt viel über den Unterschied zwischen (auch gleichsprachigen) Ländern aus, aber nicht nur er. Die Tatsache, dass in London etwa bis zu zwei Millionen Menschen geduldig Schlange stehen, über Nacht, um sich von ihrer Königin zu verabschieden, wäre hier undenkbar. Schlangestehen wird stets durch List erträglich gemacht: etwa in Freibädern, wo einer vor der Rutsche wartet und dann auf Zuruf Dutzende Freunde „dazustoßen“. Den Platz „freizuhalten“, undenkbar in „The Queue“, wie die Trauerschlange nun ehrfurchtsvoll genannt wird. Für die Wartenden gibt es Live-Schaltungen und News Bulletins. Im E-Mail-Absender steht wahrscheinlich: „Meine Schlange“.[SSED1]