Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Hausgeschichte

Die „Lieselotte“ in der Seestadt

Schon vor seinem Bau wurde der Bildungscampus Nord in Wien Donaustadt per Simulation geheizt und gekühlt. Im August gewann der „Energiesparmeister“ den Beton-Preis.

Die Schriftstellerin und Journalistin Liselotte Hansen-Schmidt (1933–2015) schrieb zahlreiche Artikel und Bücher, auch über die Donaustadt. 2020 wurde der neue Campus Nord für 1400 Kinder und Jugendliche nach der Professorin (ehrenhalber) benannt: rund 11.000 m2 mit drei Kleinkinder- und neun Kindergartengruppen, 17 Volksschul- und 16 Neue-Mittelschul-Klassen sowie vier sonderpädagogische Gruppen.

Nach einem Jahr Betrieb wurde evaluiert: Mit rund zwei Euro Energiekosten pro Quadratmeter im Jahr erwies sich der Bildungscampus nicht nur als Energiesparmeister, sondern beweist, dass auch bei großvolumigen Gebäuden beeindruckende Energiesparpotenziale – und das völlig ohne fossile Energie – realisierbar sind.

„Mufus“ und viel Holz

Wie das geht? „Ein Schulgebäude zu planen ist eine recht große Herausforderung. Vor allem die Be- und Entlüftung, da sich Kinder viel bewegen und so viel Energie abgeben“, erklärt der planende und ausführende Architekt, Christoph Karl von Karl und Bremhorst Architekten ZT GmbH. „Dazu kommen die Fluchtwege mit besonderen Brandschutzauflagen.“

Der Bau besteht im Wesentlichen aus Beton, Glas und Alu, „wir wollten möglichst wenige verschiedene Materialien einsetzen“, wobei alle Betonteile wie das Fundament und die Decken bauteilaktiviert sind, was konstante 22 Grad bringt. Im zentralen Gebäudeteil befinden sich der Eingang sowie die gemeinschaftlich genutzten Bereiche wie Bibliothek, Veranstaltungssaal und Speiseraum. In den seitlichen Gebäudeteilen sind die Bildungsbereiche untergebracht.

„Dem Konzept der Clusterschule folgend, gibt es keine klassischen Schulräume mehr, keine Gänge, die zu geschlossenen Klassen führen. Stattdessen gibt es Multifunktionsflächen (,Mufus‘), für Schüler und Lehrer.“ Und: Die Die Räume messen 80 statt der bisher für Frontalunterricht üblichen 60 m2, für Möbel und Böden wurde Holz verwendet.

Im Inneren dominieren helles Holz und viele offene Räume.
Im Inneren dominieren helles Holz und viele offene Räume.(c) Bremhorst Architekt

Pawlatsche trifft Fotovoltaik

Das Problem der Fluchtwege wurde dadurch gelöst, dass alle Unterrichtsräume eine Tür ins Freie haben, die auf eine umlaufende, beschattete Terrasse und von dort per Stiege in den Garten führen. Gemeinsam mit der Fassadenbegrünung erinnern diese Balkone an die typisch wienerischen Pawlatschen, die kommunikativen Laubengänge in den Höfen der Bürgerhäuser des 18. Jahrhunderts.

Auf dem Dach ist eine Fotovoltaikanlage untergebracht, über 100 Tiefensonden führen in einen Erdbereich, in dem eine Temperatur von acht Grad herrscht. Damit wird mittels Wärmepumpen im Sommer gekühlt, im Winter wird die überschüssige Wärme aus dem Erdreich geholt, um zu heizen. Und auch auf Windenergie wird nicht verzichtet. All das führt dazu, dass das Gebäude im Wesentlichen energieautark ist. Das heißt: Es ist keine Energiezuführung von außen notwendig. „Diese Energiekonzepte, die die Stadt Wien entworfen hatte, lagen alle außerhalb der geltenden Normen, da sie zu neu und daher noch nicht normiert waren“, erläutert Architekt Karl die Entstehung.

Zum Ort, zum Objekt

Im neuen Stadtteil Seestadt im 22. Bezirk wird jedes neue Gebäude nicht nur auf seine Klimafitness hin geprüft, es werden auch wegweisende neue Konzepte realisiert, wie der Campus Nord, oder auch der Campus am Hannah-Arendt-Platz (ebenfalls ausgezeichnet), zeigen.

Für Wohnungen werden in der Donaustadt durchschnittlich 5195 Euro/m2 (neu), für gebrauchte durchschnittlich 4021 Euro/m2 berechnet.
(Quelle: Wohnmarktmagazin Otto Immobilien)

Der Bildungscampus wurde also per Computer vollständig simuliert, mit Heizen und Kühlen. „Natürlich arbeiten wir eng mit Energieberatern zusammen, das ist eine neue und in Zukunft vermutlich auch nicht verzichtbare Sparte im Bauwesen“, sagt Christoph Karl. Das Konzept der „Lieselotte“ ist nicht nur aufgegangen, es wurde zudem kürzlich mit dem GVTB-Beton-Preis 2021 (Güteverband Transportbeton) ausgezeichnet.
Einen einzigen Nachteil könnte die Schule – aus Kindersicht – freilich haben: Auf ein „hitzefrei“ wird man hier vergeblich warten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2022)

Mehr erfahren

Hausgeschichte

Premium Architektur für Hund und Katz

Hausgeschichte

Neues Kleid fürs Haerdtl-Haus

Hausgeschichte

Premium "Man spürt die Burg wieder"

Hausgeschichte

Wiener Donaukanal: Backstein trifft Geothermie

Hausgeschichte

Premium Ein Haus wie ein Museum

Hausgeschichte

Premium „Wir wollten keinen Schnickschnack“

Hausgeschichte

Premium Vier Kanten und ein Pool

Hausgeschichte

Premium Hagenberg: Das Haus mit dem Knick

Hausgeschichte

Premium "Wir wollten nichts verschönern"

Hausgeschichte

Premium "Der Gutshof war komplett verwahrlost"