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Literatur

Schampus trinken gehört dazu

Handfeste Problemstellungen und treffende Diagnosen von Lydia Mischkulnig.
Handfeste Problemstellungen und treffende Diagnosen von Lydia Mischkulnig.(c) Marko Lipuš/Picturedesk
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Der Band „Die Gemochten“ von Lydia Mischkulnig vereinigt dreizehn Texte sehr unterschiedlichen Formats und Gepräges. Diese Autorin legt es darauf an, den eben erst gesponnenen Erzählfaden reißen zu lassen, und man weiß nicht, soll man sie dafür bewundern oder tadeln.

Der Faden kann jederzeit reißen, weiterführen und leiten, sich verknoten und sich in Schlingen um den Hals legen, man kann aber auch auf ihm dahinbalancieren“, heißt es in der Erzählung „Nora schreibt“. Das Feld der Erzählung ist ein weites, es reicht von der Short Story bis zur Novelle. Wo darin Lydia Mischkulnigs Behandlung der kleinen Form zu verorten wäre, ließe sich anhand ihres neuen Erzählbands fragen. „Die Gemochten“ vereinigt dreizehn Texte sehr unterschiedlichen Formats und Gepräges, vom inneren Monolog bis zur Reportage, von der Travestie bis zur Persiflage. Gemeinsam ist ihnen ein sarkastischer Grundton, ein Hang zum Präsens und zum Hybrid: Der erzählerische Antrieb wechselt mit dem essayistischen, nicht immer ohne dass der Motor ins Stottern gerät. Es scheint, als ob Mischkulnig gegenüber früheren Bänden eine noch größere Unbekümmertheit um die Konventionen der Gattung an den Tag legen würde, ja, diese Erzählerin legt es geradezu darauf an, den eben erst gesponnenen Erzählfaden reißen zu lassen, und man weiß nicht, soll man sie dafür bewundern oder tadeln.

„Die Parzelle“ etwa ist die Geschichte von Maggie, die Nina angeblich in der Zeitung gelesen hat, obwohl man eine Geschichte dieser Art in keiner Zeitung der Welt lesen kann. Maggie erbt von ihrem Geliebten, den sie dazu gebracht hat, „seine Poly- in eine Bi-Amourösität zu verwandeln“, eine triste Parzelle an der Wiener Peripherie. Sie beschließt, das Erbe als eine „Widerstandsgeste der Liebe“ und die – real existierenden – Straßennamen, von der Elsa-Plainacher- bis zur Franziska-Fast-Gasse, als ideellen Auftrag mit feministisch-sozialdemokratischer Note anzunehmen: „Sie säte. Sie erntete. Sie starb.“ Das ist einmal eine konzise Lebensbeschreibung! Aber wichtiger scheint der Autorin allemal Maggies Reflexion über die Frau als „menstruierender Mensch“ und die Literatur als Lebensnotwendigkeit für Menschen „mit besonderen Bedürfnissen“: „Das sind wir nämlich alle. Taubblinde und Lahme und deshalb brauchen wir die Literatur, um uns im Irrsinn weiterzutasten (. . .)“