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Pizzicato

King Roger

Der langjährige Tennis-Regent tritt ab. Just in London, seiner einstigen Domäne Wimbledon, während ein 73-Jähriger den Thron besteigt.

Lang bevor sich dieser Tage „The Queue“ meilenweit entlang des Londoner Themse-Ufers zog, hatten sich die Briten als Weltmeister im Schlangestehen erwiesen. Es ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen, obwohl es mit der feinen englischen Art mitunter nicht mehr so weit her ist. Darauf zumindest kann sich das auseinanderdriftende Königreich einigen: „First come, first serve.“ Für Vordrängler gibt's böse Blicke und letztlich einen Ordnungsruf.

An der Church Road im Südwesten Londons, in Wimbledon, kultivieren die Tennisfans die Tradition des Schlangestehen Jahr für Jahr, ausgerüstet mit Tee, Campingsesseln, Zelten und unendlicher Geduld, um ein Ticket für den Centre Court zu ergattern. Jahrelang hielt dort King Roger Hof, ein Meister an Eleganz und Grandezza. Acht Mal eroberte Roger Federer die Trophäe, und als Schweizer Gentleman, Sportsmann vom Scheitel bis zur Sohle und ganz in Weiß flogen ihm die Herzen des britischen Publikums zu – wenn schon kein Brite ihn vom Tennisthron stoßen konnte.

Nun dankt der langjährige Regent des Tennis im Alter von 41 Jahren ab, während ein 73-Jähriger in Westminster das Szepter des Königreichs übernimmt. Dass Federer seine Karriere in London – wenngleich nicht in Wimbledon – beenden wird, hat nur seine Richtigkeit. Ein König der Herzen wird er bleiben.

Reaktionen an: thomas.vieregge@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2022)