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Morgenglosse

Meine Queen

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Königin Elizbaeth 1960 bei der Eröffnung einer Brücke in Schottland(c) imago/ZUMA/Keystone (imago stock&people)
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Nicht durch ihre lange Herrschaft drückte Elizabeth II. ihrem Land ihren Stempel auf. Sondern auch weil sie verstand, was ihre Rolle war.

In 20 Jahren in Großbritannien bin ich der Queen nie begegnet. Dennoch war Elizabeth II. allgegenwärtig. Auf jedem Geldschein, auf jeder Briefmarke und auf jedem Briefkasten sind ihr Konterfei oder das Monogramm E II R abgebildet: Elizabeth II Regina. Kein Jahr endete ohne die Weihnachtsansprache der Queen, kein Sommer ging ins Land ohne „Trooping the Colour“, der traditionellen Militärparade zum offiziellen Geburtstag der Monarchin. 

So unersetzlich war sie für uns scheinbar, dass sie sogar zwei Geburtstage hatte: Einen, an dem wirklichen Tag ihrer Geburt, dem 21. April. Und einen zweiten, am zweiten Samstag im Juni, an dem der Geburtstag öffentlich gefeiert wurde. Schließlich haben es auch Könige nicht gerne, wenn es auf „auf ihre Parade regnet“ – die englische Redewendung für „jemandem den Spaß verderben“.

Unersetzlich war die Queen auch als Namensgeberin, Eröffnerin und Banddurchschneiderin. Vom neuen Terminal in Heathrow bis zur jüngsten Untergrundverbindung in London trägt alles ihren Namen. Zur Eröffnung der neuen BBC-Zentrale kam die Queen ebenso vorbei wie zur Einweihung des neuen schottischen Parlamentsgebäudes in Holyrood oberhalb von Edinburgh. Dass die meisten Projekte bei Fertigstellung um Milliarden über Budget lagen, wäre anlässlich der Anwesenheit ihrer königlichen Hoheit unhöflich zu erwähnen gewesen. Obwohl davon auszugehen ist, dass sie die Abscheu ihres Sohnes und Nachfolgers Charles für moderne Architektur teilte, eröffnete sie in den frühen Jahren ihrer Regentschaft scheinbar ungerührt eine ganze Reihe von Gebäuden im Stil des Brutalismus, die sich heute so mancher aus dem Stadtbild wegwünscht.

Die für die Nation wichtigste Eröffnung war die jährliche Rede zum Auftakt der neuen Parlamentsperiode. Zugleich ist es für jeden britischen Monarchen die öffentliche Darbietung seiner Machtlosigkeit. Denn aller „Pomp and Circumstance“ des feinziselierten Zeremoniells ist letztlich darauf angelegt zu zeigen, dass der wahre Souverän das Parlament als Vertreter des Volkes ist. Die Königin oder der König dürfen lediglich vorlesen, was die Regierung ihm oder ihr vorgeschrieben haben.

Ansonsten hat sich der Monarch aus dem Leben der Bürger rauszuhalten. Das hat Queen Elizabeth getan. Dabei hätten wir uns manchmal vielleicht Anderes gewünscht: Als Schottland 2014 in Richtung Unabhängigkeit zu entschwinden schien, ließ sie auf dem Weg zum sonntäglichen Kirchbesuch die Bemerkung fallen: „Ich hoffe, die Menschen werden sehr sorgfältig über ihre Zukunft nachdenken“. Dagegen fand sie danach zum Brexit ebenso wenig ein Wort wie zur putschartigen Parlamentsauflösung von Premierminister Boris Johnson. Mit den verheerenden Folgen hat Großbritannien nicht einmal noch begonnen, sich ernsthaft auseinanderzusetzen. 

Je stürmischer aber die Zeiten wurden, denen sie nur zusah, umso mehr aber schien die Queen als Symbol die Nation zusammenzuhalten. Sie bedeutete den meisten Briten im Alltag genauso wenig wie ihren ausländischen Mitbürgern. Außerhalb der Königsfamilie, die beachtlich groß ist, ist die Zahl aktiver Royalisten sehr überschaubar. Aber viele fanden es vielleicht beruhigend, dass da eine Königin war, die ihre schützende Hand über uns alle hielt. Die häufigste Äußerung nach ihrem Tod war: Wir fühlen uns jetzt wie Waisen. 

Jetzt, wo sie gegangen ist, wird die Queen fehlen. R.I.P.

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