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Filmkritik

Uni-Horror und „Ossi“-Trauma

Hier bin ich daheim? Szene aus „Alle reden übers Wetter“ von Annika Pinske.Filmgarten
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„Alle reden übers Wetter“, das Langfilmdebüt von Annika Pinske, folgt einer Berlinerin in ihren ostdeutschen Geburtsort.

Klassenscham, eine relativ junge Begriffsbildung vornehmlich linker Diskurse, hat inzwischen ein eigenes Genre hervorgebracht: Die autobiografisch grundierte Geschichte vom Menschen, der einem unterprivilegierten Elternhaus entflieht, sozial aufsteigt und mit der Entfremdung von seiner Herkunft ringt. Autoren wie Didier Eribon, Daniela Dröscher und J. D. Vance haben sie mit Erfolg literarisch beackert. Dass sie sich auch als Filmvorlage eignet, zeigt im Kino ab Freitag das Drama „Mittagsstunde“ – und, schon jetzt, „Alle reden übers Wetter“, das Langfilmdebüt der deutschen Regisseurin Annika Pinske: Hier ist es eine Philosophin, die in Berlin kurz vor der Promotion steht – und beim Besuch ihres ostdeutschen Geburtsortes Identitätsflattern bekommt.

Schon beim Videotelefonat mit der Mutter merkt man Clara (Anne Schäfer) die Anspannung an. Irritiert von Mamas technischem Unvermögen – Kamera falsch ausgerichtet! Auflegen vergessen! – zieht die Enddreißigerin zum Druckabbau einen wütenden Bleistiftstrich über ihren Bürotisch. So verwirrt wie die Verwandtschaft ist sie nicht, nein: Sie ist professionell, kompetent! Aber glücklich? Na ja. Ist ja auch nicht leicht im akademischen Betrieb! Zumal angesichts des sardonischen Sittenbilds, das Pinskes Film mit glaubhaftem Oberflächenrealismus zeichnet.

Stichelei im Seminarraum

Da wird im Seminar über Roy Lichtenstein doziert, im Korridor hingegen fies gegen Kolleginnen gestichelt. Karriere geht den meisten über alles – ältere Semester spielen trotz abgeflachter Hierarchien süffisant ihre Macht aus, während Clara im Prekariat festsitzt. Und sich nicht traut, öffentlich zu ihrer Herkunft zu stehen: Der Diplomatenvater habe sich erschossen, lügt sie beim Dinner in der noblen Bildungsbürgerwohnung. Ihr heimlicher Studenten-Lover verzieht das Gesicht.

Beim Heimaturlaub in Mecklenburg-Vorpommern sitzt der Kulturschock tief: Rechtsextreme Jugend, frustsaufendes Alter, verkrustete Geschlechterrollen. Und eine Mutter, die sich nicht um ihre Zukunft zu scheren scheint. Es werde hier, im DDR-Ausfallgebiet, nur „gelabert“, nie „kommuniziert“, wirft Clara ihr an den Kopf. Zugleich ist Pinske klug genug, den sich aus privater Scham speisenden Dünkel der Städterin in jeder Szene mitschwingen zu lassen.

Am Ende stehen die leise Andeutung einer möglichen Aussöhnung – und „Killing in the Name“ von Rage Against the Machine, gespielt von einem Schulorchester. Auch so kann man den Lebensstil der Provinz mit urbaner Renitenz auf einen Nenner bringen.