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Experteninterview

Hoffnungen ruhen auf Forschungsfortschritt

Mit krankheitsmodifizierenden Therapien für Menschen mit Demenz würde die Diagnoserate rapide ansteigen.
Mit krankheitsmodifizierenden Therapien für Menschen mit Demenz würde die Diagnoserate rapide ansteigen.(c) Getty Images
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Experteninterview 1. Neurologe Reinhold Schmidt betont zum Thema Demenz bzw. Alzheimer unmissverständlich, dass Screening-Tools nur Sinn machen, wenn es therapeutische Maßnahmen gibt.

Stigma rund um demenzielle Erkrankungen ein?

Reinhold Schmidt: Eine Analyse von ADI (Alzheimer’s Disease International) spricht Bände. Zum Beispiel, dass 35 Prozent der pflegenden Angehörigen die Diagnose einer Person mit Demenz verschweigen. 60 Prozent gaben sogar an, dass ihr soziales Leben unter ihrer Betreuungspflicht leidet. Ein Stigma ist auch, dass viele Betroffene, aber auch Behandelnde Demenz immer noch als natürliche Alterserscheinung verstehen. Dadurch wird die Betreuung verhindert und Prävention im Keim erstickt.

Wie hoch schätzen Sie die aktuelle Diagnoserate von Menschen mit einer demenziellen Erkrankung in Österreich ein?

Für Österreich gibt es keine genauen Daten, aber eine Europa umfassende Studie zeigt, dass rund die Hälfte der von Demenz Betroffenen nicht diagnostiziert ist – und das dürfte auch auf Österreich zutreffen. Ohne Diagnose verstreicht wertvolle Zeit, in der gegen die Krankheit vorgegangen werden könnte. Laut einer Analyse von PRODEM-Austria, der österreichischen Alzheimer-Gesellschaft, liegen bei Personen, die in Memory-Kliniken waren, zwischen dem Erstauftreten von Demenzsymptomen bis zur Diagnose im Durchschnitt rund 32 Monate.

Wie könnte man es schaffen, bei Bedarf die Diagnoserate entsprechend zu erhöhen?

Es braucht mehr Awareness. Die Demenzdiagnose schafft die Voraussetzung, Unterstützung zu suchen und frühzeitig in einem Krankheitsstadium, in dem noch vollständige Urteils- und Entscheidungsfähigkeit bezüglich weiterer Versorgung möglich ist.

Welche Auswirkungen hätte ein Anstieg der Diagnoserate auf die Betroffenen und das Gesundheitssystem?

Das Problem ist, dass es noch keine Therapie gibt, die modifizierend auf den Krankheitsverlauf wirkt. Symptomatische Therapien haben maximal moderate Effekte. Vollbringt es die Forschung, krankheitsmodifizierende Therapien zu entwickeln, wird sich das Bild komplett verändern. Dann werden Menschen mit Demenzsymptomen sich darum bemühen, frühzeitig Diagnosen zu erhalten, um erfolgreich gegen die Krankheit vorgehen zu können. Der Anstieg der Diagnoserate würde massive Veränderungen in den Versorgungsstrukturen verlangen. Darauf muss sich das Gesundheitssystem einstellen und deshalb braucht es unbedingt mehr Zentren, die darauf spezialisiert sind.

Zur Person

Universitätsprofessor Reinhold Schmidt ist Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizin Universität Graz.

Reinhold Schmidt, Klinikvorstand Universitätsklinik für Neurologie.
Reinhold Schmidt, Klinikvorstand Universitätsklinik für Neurologie.(c) beigestellt

Welche Strukturen sind in der Gesundheitsversorgung zu optimieren, damit Patientinnen und Patienten die bestmögliche Behandlung und Betreuung erhalten?

Die sieben Wirkungsziele der Demenzstrategie Österreich sind wegweisend. Sie sehen u. a. vor: die Sicherstellung der Selbstbestimmung der Betroffenen, den Ausbau der breiten und zielgruppenspezifischen Information, die Stärkung von Wissen und Kompetenz, einheitlich gestaltete Rahmenbedingungen, die Sicherstellung und Gestaltung von demenzgerechten Versorgungsangeboten sowie die Qualitätssicherung durch Forschung. Daraus werden viele gute Projekte entstehen. Etwa die Erstellung einer österreichweiten Demenzdatenbank. Bei diesem Projekt ist die ÖAG ein Partner. Entscheidend ist die Frage, wie sich diese Ziele flächendeckend umsetzen lassen.

Wie schätzen Sie die zukünftige Rolle der digitalen Gesundheitsanwendungen, z. B. hinsichtlich Möglichkeiten zum Pre-Screening ein?

Im Zeitalter der Digitalisierung ist es klug, die Möglichkeiten auszuschöpfen und zum Beispiel digitale Screenings und KI-gestützte Vorhersagen einzusetzen. Allerdings sehe ich auch viele Hindernisse, wie etwa Datenschutz und Ethik. Wenn ich Screening-Tools in einem frühen Stadium einsetze, um den Verdacht auf Demenz zu stellen, dann muss es nachgeschaltet auch Therapien geben, die krankheitsmodifizierend sind. Deshalb sehe ich ethische Bedenken, asymptomatischen Personen eine Frühdiagnose anzubieten. Der Erfolg hängt also mit der Frage zusammen, ob es der Forschung gelingen wird, wirksame Therapien anzubieten, die den Krankheitsverlauf ursächlich verzögern können. Zudem muss klar sein: Wenn Screenings flächendeckend digital angeboten werden, muss sichergestellt sein, dass unser Gesundheitssystem das entsprechend abarbeiten kann.

Gibt es Möglichkeiten der Prävention im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen?

Eine in der renommierten Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Grafik zeigt, in welchen Lebensabschnitten die unterschiedlichsten Risikofaktoren zu tragen kommen. Insgesamt lässt sich daraus ablesen, dass es zwölf modifizierbare Risikofaktoren gibt, wie etwa Rauchen, Alkohol, Diabetes, Luftverschmutzung, wodurch sich rund 40 Prozent der Demenzfälle erklären und möglicherweise auch verhindern ließen. Das ist beachtlich viel und sollte ins Bewusstsein rücken.

ÖAG

Die Österreichische Alzheimer Gesellschaft (ÖAG) wurde 1987 in Wien gegründet. Die Gesellschaft hat mehr als 170 ordentliche Mitglieder: Neurologen, Psychiater und Grundlagenforscher mit besonderem Interesse an Demenzerkrankungen.

Info: alzheimer-gesellschaft.at