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Ukraine

„Der bessere Wiederaufbau“ der Ukraine

Polonyna Borzhava in den ukrainische Karpaten - nicht überall ist die Natur so unberührt. Beim Wiederaufbau sei ein besonderes Augenmerk auf Natur und Ökologie zu richten , fordert ein Bericht.Dmytro.ch / CC-BY-SA-4.0
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Der Krieg in der Ukraine geht mit unverminderter Härte weiter, der WWF und Boston Consulting Group legen jetzt eine erste Arbeit zur Gestaltung des Wiederaufbaus vor.

Derzeit gibt es bloß vage Schätzungen, welche wirtschaftlichen Schäden durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine bisher verursacht worden sind. Demnach dürften allein die Zerstörungen von Infrastruktur etwa 110 Milliarden US-Dollar ausmachen. Exporte sind um fast zwei Drittel eingebrochen, der Export von Getreide ist sogar um vier Fünftel gesunken. Zwei Drittel der Klein- und Mittelbetriebe konnten der Belegschaft nur Teile der Gehälter auszahlen.

Vor dem Hintergrund dieser wirtschaftlichen Situation haben der World Wide Fund of Nature (WWF) und die Boston Consulting Group (BCG) in den vergangenen zwei Monaten einen Report erstellt, in dem der Wiederaufbau der Ukraine thematisiert wird. WWF und BCG bauen dabei vor allem auf die erste Konferenz zu dem Thema auf, die Anfang Juli in Lugano stattgefunden hat und an der Vertreter aus 42 Ländern teilgenommen haben.

Geld für den Wiederaufbau werde fließen, aber: „Entscheidend ist allerdings, dass das Geld richtig investiert wird“, sagt Hubi Meinecke, Leiter der BCG-Abteilung für globales Klima und Nachhaltigkeit. „Es wäre ein großer Fehler, wenn beim Wiederaufbau auf die kurzfristig günstigste Lösung gesetzt wird, anstatt darauf zu achten, die mittel- und langfristig besten Optionen zu wählen – nachhaltig, mit geringem „Naturverbrauch“ und klimaneutral.“

„Transformation überspringen"

Der Bericht („Ukraine: A Sustainable Economic Recovery for People and Nature“), der am Donnerstag in einer Online-Konferenz veröffentlicht worden ist, hakt beim Schlussdokument der Wiederaufbau-Konferenz in Lugano und dessen konkreter Umsetzung ein. In Lugano wurde beschlossen, dass der „Prozess des Wiederaufbaus der Ukraine in einer nachhaltigen Weise erfolgen, den Grundsätzen der nachhaltigen Entwicklung (SDG) entsprechen und dem Pariser Klima-Abkommen gerecht werden muss. Dabei sind die sozialen, ökonomischen und die Umwelt-Dimension zu berücksichtigen.“

In dem 67 Seiten umfassenden Bericht von WWF und BCG wird der ökologische Zustand in der Vorkriegs-Ukraine ernüchternd dargestellt: Energie-Intensiv und eine heruntergekommene Umwelt. Die Vorkriegs-Ukraine hatte ein acht Mal kleineres GDP als die EU und eine mehr als doppelt so hohe Energieintensität. Deshalb zitiert der Bericht Olena Maslyukivska, Professorin in der Abteilung für Umweltstudien an der Universität Kiew fordert und eine der bekanntesten ukrainischen Wissenschaftlerin zur Nachhaltigkeit. Sie fordert, dass die Wirtschaft direkt zu einer echten Nachhaltigkeit übergehe, die Zwischenstufe der Transformation also überspringen soll.

Im Bericht wird der Wert der Ökosystemsleistungen (etwa sauberes Wasser) auf 185 Mrd. US-Dollar jährlich geschätzt. Bohdan Vykhor, Leiter des WWF-Büros in der Ukraine, meint, dass in den nächsten zehn Jahren Investitionen in der Höhe von 750 Mrd. $ benötigt werden.

Die Studien-Autoren haben sieben Grundprinzipien formuliert, dass „nicht die Vergangenheit wieder aufgebaut, sondern eine nachhaltige Zukunft geschaffen wird“.

  • „Green Recovery“ soll die Gesundheit, Sicherheit und das Wohlbefinden sicherstellen,
  • Eine Energiewende soll die strategische Autonomie und die Belastbarkeit des Energiesystems bringen,
  • Umwelt und Klima müssen in allen Entscheidungen mitgedacht werden,
  • Bei Investitionen, insbesondere bei Infrastruktur, sind Nachhaltigkeit und die besten verfügbaren Technologien zu berücksichtigen,
  • Alle Entscheidungen müssen transparent und partizipativ erfolgen, Inklusion hat selbstverständlich zu sein,
    lokale und international Beteiligte müssen effektiv koordiniert werden, wobei lokale Verwaltungen und Gemeinden im Zentrum stehen sollen,
  • Nachhaltige Werte und Fertigkeiten müssen in die Breite wirken.

Der Weg dorthin soll, so WWF und BCG, erreicht werden, indem zehn Empfehlungen nachgekommen werde:

  • Bei kurzfristigen Maßnahmen, um die Basis nach den Kriegszerstörungen wieder herzustellen, müsse das Ausmaß der Umweltbelastung so niedrig wie möglich gehalten werden,
  • Der Wiederaufbau-Plan müsse von Beginn an auf Klimaneutralität,
  • und auf die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDG) abzielen,
  • Es sei die Bedeutung der ukrainischen Ökosysteme zu berücksichtigen,
  • Die Raumordnung müsse ganzheitlich betrachtet und der Flächenverbrauch minimiert werden,
  • Die Entwicklung des Landes solle „nature-positive“ erfolgen – also mit dem geringst-möglichen Auswirkung auf die Umwelt,
  • In jedem Sektor solle die beste verfügbare Technologie eingesetzt werden,
  • Nachhaltigkeit solle das oberste Prinzip auch in der Landwirtschaft sein,
  • Wichtig sei Investition in Humankapital, Erziehung und Training,
  • Die Entwicklung der Ukraine solle auf einer „ökologischen Demokratie“ und einem „exemplarischen Modell“ einer sozialen und inklusiven öffentlichen Verwaltung aufgebaut werden.

Die Empfehlungen gehen im Bericht noch ins Detail, was insgesamt in 40 Punkten dargestellt werden. Sie betreffen alle relevanten Sektoren (Infrastruktur und Wohnbau, Verkehr, Energie, Digitale Technologie, Landwirtschaft und Industrie), de 90 % aller Exporte der Ukraine bzw. mehr als zwei Drittel des ukrainischen Vorkriegs-GDP ausmachen.

In einer Nachkriegs-Ukraine wird – zumindest in einer Übergangsphase – die Atomkraft noch eine Rolle spielen, obgleich das Potential für Erneuerbare Energien als sehr hoch eingeschätzt wird. Äußerst herausfordernd dürfte jedenfalls auch noch der rechtliche Sektor sein. Offiziell heißt es zwar, dass der ukrainische Rechtsbestand zu zwei Drittel auf dem Niveau der EU stehe, allerdings „muss man sich auch die konkrete Um- und Durchsetzung ansehen“, meint Bohdan Vykhor (WWF): „In manchen Bereichen gibt es hervorragende Gesetze, die aber nicht umgesetzt worden sind. Bei der governance gibt es noch viel zu tun.“

>> Weiterführende Info auf der Homepage des WWF (auch Download des Berichts)