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Ausstellungen

100 Punkte für das Wohnen

Wohnträume 1928: Interieur für die erste Generation von Gemeindewohnungen.
Wohnträume 1928: Interieur für die erste Generation von Gemeindewohnungen.WStLA/Foto Gerlach
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Zwei Formate widmen sich derzeit dem Thema „Besser wohnen“: Rückblick in Wiener Gemeindebau-Tradition, Ausblick in eine mögliche genossenschaftliche Zukunft.

Konträr und ergänzend zeigen die Ausstellungen „Schöner wohnen im Roten Wien“ und „Genossenschaftlich wohnen morgen“ (Termine und Orte siehe Kasten) unterschiedliche Ideen mit dem gleichen Ziel: guten, nachhaltigen Wohnraum zu schaffen.

Die neue Schau im Karl-Marx-Hof zeigt anlässlich des 100. Geburtstages des 1922 eingeführten Punktesystems für die Vergabe von Gemeindewohnungen die Entwicklung von Grundrissen, Ausstattung und Interieur des 1923 erfolgten ersten Wohnbauprogramms, dem 1927 ein zweites folgte. „Und es widmet sich der Frage: Wer sind die neuen Mieter, welche Rechte und Pflichten haben sie als ,Sachverwalter öffentlichen Gutes‘?“, erzählt Lilli Bauer, eine der Kuratorinnen der Ausstellung.

Erziehung mit 29 Paragrafen

Der Großteil der Wiener lebte um 1900 in Gangküchenwohnungen – ein Zimmer, eine Küche – ohne fließendes Wasser oder gar Elektrizität. „In diesem meist nur 1,10 Meter breiten Gang münden überdies die Aborte, welche für je zwei Parteien gemeinsam sind und der Wasserspülung entbehren. Diese Abortgruppen sind den Küchen- und Kabinettfenstern häufig vorgelagert, ein ebenso widerlicher Anblick als gesundheitsschädlicher Zustand“, schreibt die Gemeinde Wien 1927. Sechs und mehr Bewohner, zudem Untermieter und sogenannte Bettgeher, waren keine Seltenheit. Bauer: „Kein Wunder, dass die neuen Wohnungen geradezu luxuriös anmuteten, auch wenn sie in der ersten Bauphase bis 1927 nur 38 bis 48 m2 maßen.“

Ab 1927 baute man im Durchschnitt 40 bis 57 m2: Vorraum, WC, Wohnküche und ein bis zwei Zimmer – kein Bad. Dafür gab es umfangreiche Infrastruktur und begrünte Innenhöfe. Doch warum, fragt sich der Betrachter nicht erst in dieser Ausstellung, gab und gibt es so viele Vorschriften, und Hausordnungen mit bis zu 29 Paragrafen? „Die Leute waren oft zum ersten Mal mit einer Wohnung konfrontiert, die dazu gedacht war, lange Zeit drinnen zu wohnen und daher pfleglich behandelt zu werden“, sagt Bauer.

Das vertrug sich schlecht mit dem Halten von Hühnern und Ziegen auf den Balkonen oder dem Zerkleinern von Holz in der Wohnung. Zudem sah man im Roten Wien Wohnungen auch als Werkzeuge zur Schaffung eines ,neuen Menschen‘ – der entsprechend erzogen werden musste, um gemeinschaftsfähig zu sein. Denn waren die Wohnungen privat, war die Infrastruktur mit den Nachbarn gemeinschaftlich zu benutzen.

Studie unter Genossen

Im Grund ganz ähnlich waren die Gedanken der ersten Genossenschaften, die ebenfalls vor 100 Jahren gegründet wurden. Mit einem großen Unterschied: Die späteren Bewohner sollten ihr Glück quasi selbst in die Hand nehmen. Basierend auf den Grundsätzen Gemeinschaftseigentum, Selbstorganisation und Selbsthilfe, schufen die Genossenschaftsmitglieder anfangs in gemeinsamer Arbeit ihre eigenen Häuser.

Die aktuelle Ausstellung stellt angesichts sozialer und ökologischer Krisen nun auch die Frage nach der Aktualität des Genossenschaftsgedankens und zeigt eine Studie zu diesem Thema auf: Was macht Genossenschaften in der Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Krisen so besonders? Was bedeutet Teilhabe in Genossenschaften? Wie lässt sich genossenschaftliches Wohnen zeitgemäß denken? Zusammen zur Schaufel zu greifen wie einst wird es wohl nicht sein, doch: „Im Kern ist die Idee unverändert: Es geht darum, dass sich Mitglieder gegenseitig unterstützen“, meint Architekt Ernst Gruber, Geschäftsführer von WohnbundConsult, Auftraggeber der Studie.

„Wir haben die paradoxe Situation, dass wir sehr viele Wohngenossenschaften haben, deren Eigentümer – die Genossen – nichts mehr davon mitbekommen, dass sie Miteigentümer sind und gewisse Rechte haben. Genossenschaften müssen entscheiden, ob sie die aktuellen Herausforderungen als Chance für eine Weiterentwicklung nutzen wollen.“ Die Studie zeige jedenfalls eine zunehmende Tendenz zu Selbstbestimmung, Zugehörigkeit und Einflussnahme auf das unmittelbare Wohnumfeld.

AUF EINEN BLICK

„Schöner wohnen im Roten Wien“

bis 17. Dezember, veranstaltet vom Roten Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof, Halteraugasse, 1190 Wien,

dasrotewien-waschsalon.at

„Genossenschaftlich wohnen morgen“bis 5. Oktober, WohnbundConsult, Emilie-Flöge-Weg 4, 1100 Wien, Podiumsdiskussion am 26. September „Genossenschaftlich wohnen morgen?“ wohnbund.at/genowo

www.iba-wien.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2022)