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Ein Dieb (Diego Luna) schließt sich in der Serie „Andor“ dem Widerstand an: Ist das noch „Star Wars“ – oder schon Fan-Fiction?
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Erzählform

Wie Fan-Fiction unsere Popkultur erobert hat - und was das bedeutet

Das Phänomen der Fan-Fiction ist keine Nischenerscheinung mehr. Längst hat sich das Format zur dominanten Erzählform der Gegenwart gemausert. Nicht nur im Netz: Auch die Kulturindustrie hat ihr Potenzial entdeckt. Was Debatten befeuert: Ist Aneignung geistigen Eigentums illegitim – oder ein menschliches Grundbedürfnis?

Jetzt mal ehrlich: Haben Sie sich je gefragt, wie sich die magischen Abenteuer Harry Potters auf den Berufsalltag einfacher Hauselfen ausgewirkt haben? Was wohl wäre, wenn sich James Bond und sein Gehilfe Q auf eine heimliche Affäre einlassen würden? Ob Arya Stark aus „Game of Thrones“ sich auch als Landschaftsgärtnerin gut geschlagen hätte? Nein? Wirklich nicht? Macht nichts: Irgendwer hat sich garantiert schon den Kopf über all diese Dinge zerbrochen. Und vielleicht sogar eine interessante Geschichte darüber verfasst, die sie im Internet kostenfrei nachlesen können.

„Fan-Fiction“: So nennt sich dieses Phänomen, das schon lang keine Nischenerscheinung mehr ist. Im Grunde handelt es sich dabei schlicht um eine Formalisierung unserer menschlichen Grundneigung, fiktive Erzählungen in Gedanken weiterzuspinnen. Sie zu wälzen, zu wenden, zu deuten, zu hinterfragen – und nach Lust und Laune umzudichten. Aus Kindheit und Jugend kennt fast jeder das Gefühl, wenn die Fantasie sich nach einer spannenden Gutenachtgeschichte oder Buchlektüre verselbstständigt – und wilde, bisweilen auch seltsame Blüten treibt. Herz und Verstand wollen, dass es weitergeht: Jetzt, sofort, unbedingt! Und wenn nichts nachkommt, erfinden sie zur Beruhigung einfach neue Kapitel dazu.

Da tüftelt man ein anderes Finale aus, weil einem das gebotene nicht passt. Oder malt sich in schillernden Farben aus, wie man sich höchstselbst anstelle der Lieblingsfiguren verhalten hätte. Wie stark dieser Fabulierdrang auch bei Erwachsenen ausgeprägt ist, hat erst die Ära des Internets in aller Deutlichkeit gezeigt – mit Foren und Portalen, die sich als teils öffentliche Sammelbecken und Diskussionsräume für Publikumsaneignungen populärer Fiktionen weltweit immenser Beliebtheit erfreuen.

Die Bandbreite des Formats ist enorm: Manche Fan-Fictions sind nur ein paar Seiten lang, andere übersteigen weit den Umfang ihres Quellenmaterials. Einige lesen sich wie krude und holprige Schulaufsätze, einzelne können sich qualitativ mühelos mit den Werken etablierter Autoren messen. Was fast alle gemeinsam haben, ist die zentrale Triebfeder ihrer Urheber: Pure, ungefilterte Leidenschaft.

Selbst in verschriftlichter und publizierter Form sind solche Fan-Fiktionen nicht wirklich neu: Bereits in den 1930er-Jahren fertigten Science-Fiction-Enthusiasten „Fanzine“-Heftchen an, in denen sie teils eigenhändig verfasste Geschichten – die oft ikonische Figuren des Genres einbezogen – mit Gleichgesinnten teilten. Ein prominenteres Beispiel bieten die 1970er: Als einige von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Krimis gemeinfrei wurden, schrieb US-Autor Nicholas Meyer das Buch „The Seven-Per-Cent Solution“, in der er sie neu interpretierte. Und den berühmten Detektiv mit einer lähmenden Kokainabhängigkeit nach Wien schickte – zur Behandlung bei einem gewissen Sigmund Freud.