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Redebedarf

Augen zu und durch

100 Rätsel der Kommunikation. In die Augen schauen, das wäre der Kommunikationsstandard. Aber heute muss man sich schon entscheiden: Reden oder schauen.

Miteinander reden, das war einmal ein Großereignis. Das war ein Spektakel. Das war „Cirque de Soleil“, nur mit dem eigenen Körper und dem Körper der anderen. Aug in Aug, dazwischen, unsichtbar, so etwas wie eine Zirkusmanege aufgespannt. Dort lieferten nicht nur die Münder ab, was sie sich antrainieren mussten, das Artikulieren und Formulieren. Sondern vor allem auch die Gesichter. Auch sie haben ein Alphabet. Aus 26 Gesichtsmuskeln. Und das Reden, das haben sie nicht einmal lernen müssen. Sie können es von Geburt an. Aber anstrengend ist es trotzdem. „Wenn zwei Individuen einen Kontakt arrangieren, kostet das Zeit, Geld, Energie“, schrieb der berühmte Soziologe Erving Goffman. Die Lösung all dieser Mühseligkeiten: die Digitalisierung. Jetzt ist Reden flach, zweidimensional, beiläufig wie online Geld überweisen, online Sneakers kaufen und online Pizza bestellen. Es kostet trotzdem etwas, raubt trotzdem Energie, nimmt trotzdem Zeit in Anspruch und tut dabei so, als würde es das alles nicht tun.

Doch eins spart die digitale Kommunikation dann doch ein: die Augen. Obwohl genau diese die sympathischen Gesprächsanbahner sind. Die Antennen, die die Welt scannen nach potentiellen Zuhörern, Zurückgrüßern, Fortpflanzungspartnern und Gesinnungsgenossen. In der digitalen Kommunikation hat man die Augen abgeschafft. Gut, man sieht die Augen der anderen beim Video-Call. Aber diese Augen schauen einen nicht an, die schauen auf den eigenen Screen. Was ziemlich super ist, weil so hat man auch mit den eigenen Augen Narrenfreiheit. Man kann sich die Nasenlöcher, die Ohren, die Zähne des Gesprächspartners, alles in Ruhe anschauen. Manchmal wünscht sich dabei wieder zurück zur Kupferleitung. Beim Gegenübersitzen im Kaffeehaus würde das ein bisschen unangenehm auffallen.

Einer der wenigen Vorteil des Zoomens. Ansonsten macht es noch müder als wirkliche Begegnungen, hat man festgestellt. Einen Namen dafür hatte man auch schnell parat: Zoom-Fatigue. Denn das Hirn sucht die Informationen, die sonst die Augen senden würden, trotzdem, nur muss es sich digital umso mehr anstrengen, sie auch zu finden. In die Augen schauen beim Reden, das kann kognitiv schon überfordern. Wenn zu viel auf einmal das Hirn beschäftigt, dann macht man deshalb die Augen zu. Robert Kratky etwa, legendärer Radio-Moderator, hatte vor ein paar Jahren eine kurze Episode in einer TV-Talk-Show. Da erinnert sich kaum einer daran. Seine Fragen stellte er elaboriert und hoch konzentriert. Deshalb schloss er beim Fragen minutenlang die Augen. Für den Gast ziemlich befremdlich, kommt im Fernsehen nicht gar so gut. Einer der Gründe, warum er auch beim Radio blieb, wo man auch ungesehen Nasen bohren könnte.

Das In-die-Augen-Schauen gehört zum Gesprächsstandard. Der Psychologe Michael Argyle hat festgestellt: Wenn zwei Menschen miteinander reden, schauen sie sich zwischen 25 und 75 Prozent des Gesprächs an. Aus guten Gründen: Man muss ja auch nachschauen, ob der andere das auch versteht, was man erzählt. Oder wie er das findet, dass man gerade mit ihm Schluss macht, ihn kündigt, ihn zum Teufel schickt. Vor lauter Schauen kann man durchaus darauf vergessen, etwas Intelligentes zu sagen. Oder manchmal sogar etwas Sinnvolles. Schwierig auch, wenn die Augen des Gesprächspartners außerordentlich schön geraten sind, dann will man eher hineinfallen in diese runden Fenster des anderen,als sich auf das zu konzentrieren, was man sagen wollte. Beim romantischen Anschmachten durchaus gewünscht, beim Bewerbungsgespräch weniger. Und dann gibt es noch ein paar Gründe, warum Gespräche oft anders laufen als gewünscht, haben Sprachwissenschaftler festgestellt: Weil man beim Reden zu sehr mit sich selber zu tun hat, weil man ja cool und intelligent rüberkommen will und dabei glatt vergisst, auch etwas Cooles oder Intelligentes zu sagen.

Oder man ist zu sehr mit der Umgebung beschäftigt, mit dem Quietschen der Stühle und dem Klappern des Geschirrs. Oder tatsächlich mit dem anderen: Aber nicht mit seinen Augen, sondern mit anderen Bereichen, in denen vielleicht sogar ein Gesprächsstörer hängt. Aus der Nase. Im Bart. Dinge, von denen man annimmt, dass man sie im Normalfall aus dem Gesicht entfernt hätte, bevor man sich zum Reden trifft. In so einem Fall sollte man vielleicht nachhause gehen und doch in Ruhe digital ganz ohne Augen und unmittelbares Feed-Back ein E-Mail schreiben.

100 Rätsel der Kommunikation

Norbert Philipp bespricht in dieser Kolumne die dringendsten Fragen der digitalen und analogen Kommunikation: Muss man zu Chatbots höflich sein? Wie schreit und schweigt man eigentlich digital? Heißt „Sorry“ dasselbe wie „Es tut mir leid“?. Und warum verrät „Smoke on the Water“ als Klingelton, dass ich über 50 bin.