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Theater lädt wegen Kritik mit Wort "tuntig" zum Nachgespräch

Eine Kritikerin bezeichnete eine Grazer Interpretation von Oscar Wildes „Bunbury“ unter anderem als „vertrottelte Schwulen-Persiflage“. Das stieß dem Schauspielhaus sauer auf.

Dass die negative Kritik zu „Bunbury“, die eine Redakteurin der Austria Presse Agentur verfasste, dem Grazer Schauspielhaus nicht gefallen würde, war wohl klar. Dass es deshalb öffentlich Stellung nehmen und  „zu einem Nachgespräch über nicht-heteronormative Männlichkeit auf der Bühne und in der Gesellschaft“ laden würde, ist doch eine Überraschung.

Was ist passiert? Am vergangenen Freitag feierte das Stück "Bunbury. Ernst sein is everything" in Graz Premiere. Die ausgeprägt queere Komponente darin wurde von Kritikern unterschiedlich beurteilt, die Redakteurin der APA fand sie jedenfalls komplett überzogen. „Aus einer witzig-scharfzüngigen Konversationskomödie wurde eine derbe Queer-Klamotte“, schrieb sie etwa.

In der Grazer Fassung habe man sich entschieden, einfach alle Männer schwul sein zu lassen. „Die beiden Hauptfiguren benehmen sich aber dermaßen tuntig, dass die Beziehung zu den Frauen nicht nur verlogen, sondern einfach komplett unwahrscheinlich wirkt.“ Besonders an dem Wort „tuntig“ stört sich nun das Schauspielhaus sehr. Es ist der Meinung, dass die Wortwahl Gegenstand öffentlicher Diskussion sein muss. Neben „tuntig“ wird hier auch „vertrottelte Schwulen-Persiflage“ genannt. Im Satzzusammenhang: „Eine derart vertrottelte Schwulen-Persiflage sollte heute nicht mehr das Fundament sein auf dem die gesamte Komik einer Aufführung gründet, das ist nicht wirklich zeitgemäß."

Wobei die Kritik offenbar nicht nur das Wording betrifft. Zumindest liegt die Vermutung nahe, wenn man die Argumentation des Theaters genauer liest. Diese klingt, als ob eine Kritikerin generell keine scharfe Kritik an der Darstellung von homosexuellen Figuren üben darf: „Dass Spielformen und Codes einer nicht-heteronormativen Männlichkeit mit herabwürdigenden Begrifflichkeiten beurteilt werden, zeigt uns, dass die Inszenierung einen nach wie vor wunden Punkt in unserer Gesellschaft trifft. So wie Oscar Wilde, der Autor des Stückes, vor knapp 130 Jahren aufgrund vorherrschender Normen diffamiert und inhaftiert wurde", schreibt das Schauspielhaus. Man wünsche sich „mehr kritische Reflexion aufseiten jener, die über künstlerische Arbeit ihr öffentliches Urteil fällen – sowie aufseiten der Medien, die solche Kritiken publizieren.“ Weshalb man am 20. Oktober zu einem Nachgespräch über nicht-heteronormative Männlichkeit auf der Bühne und in der Gesellschaft einlädt.

 

(rovi)