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Wie man den Jandl trifft

Ich kam etwas zu spät – und war immer noch zu früh. Aber dann, ein Kellner hielt ihm, dem „Herrn Professor“, die Tür auf, erschien er, mit Aktentasche. – Begegnung mit Ernst Jandl, eine Erinnerung.

WIEDER EIN WIENER


So einen Dichter hatte ich noch nie gehört.
Und wie ein Dichter hat er auch nicht ausgeschaut.
Das Stille hat er laut gesungen,
das Laute hat er stumm gekaut.


Klein war er. Und er schwitzte notgedrungen.
Und er war sehr ernst. Mir schien, dass ihn
beim Sprechen vor allem eines stört: die Sprache.
Sie macht ihn krank.


Von einer Dichterlesung konnte, gottseidank,
bald keine Rede mehr sein. Er schrie,
er flüsterte, biss in die Sätze hinein,
riss sie, unendlich schweigsam, in Stücke.


Ein Clown, belehrt nur von der Tücke
des Objekts. Ein Humorist der Melancholie.
Ein einfacher Arbeiter, der zur Sache geht.
Ein Irrgewordener zugleich, verirrt ins Alphabet.


Auch wenn er lachte, lachte er durchdacht.
Eine Buchhändlerin geniert sich dafür,
dass die Poesie noch Fortschritte macht.


Seither sind viele Jahre vergangen.
Aber von vielem, was vergangen, sagt man doch:
damals in Wien hat es angefangen.


So einen Dichter hatte ich noch nie gehört. Stimmt! So war es. Ich mache mich keiner Übertreibung schuldig. Der Kerl war eine Wucht. Aber ich war natürlich erst einmal skeptisch. Ich hätte einem wie ihm keinen Gedichtband abgekauft. Ich hätte ihm nicht einmal den Beruf, den er ausübte, den eines Dichters, abgenommen. Aber er war eine Wucht. Pure Energie. Einer wie vor ihm keiner.

Er hatte eine Aktentasche dabei, dem er das Buch – es war wohl LAUT UND LUISE, aus dem er las – entnahm. Für Aktentaschen war unter den Dichtern damals vor allem Erich Fried bekannt, der hatte auch immer eine bei sich, in der er unentwegt umständlich nach Zetteln mit Gedichten suchte.

Ich spüre heute noch, wie mich das immer abstieß. Dichter mit Aktentaschen! Burroughs hatte bestenfalls sein Heroinbesteck dabei. Kam Keith Richards von den Rolling Stones etwa mit dem Gitarrenkoffer auf die Bühne geschlendert. Und was sollte, wo die Joints die Szene beherrschten, die Pfeife im Mund?

Es war Oktober, Zeit der FrankfurterBuchmesse, das Jahr 1968. Ich wohnte damals in Frankfurt. Der Ort eine Galerie, ich glaube, die großzügig geräumige Wohnung von Adam Seide, einem exzentrischen Ästheten und Herausgeber der Kunstzeitschrift „Egoist“. Es war trotzdem, wie sich herausstellte, bei Weitem nicht genug Platz da für all die Leute, die gekommen waren. Ein Gedränge, als sei ein Star angekündigt, bis ins Treppenhaus.

Ich ging hin, weil mich der von mir verehrte und bewunderte H.C. Artmann mit dem Argument, dass es was zu trinken gebe, mitschleppte; und nicht nur mich. Wir hätten selbst ein vollständiges Publikum abgegeben. Es lockte ein Gelage.


Das hier abgedruckte Gedicht WIEDER EIN WIENER ist die Erinnerung an jenen Abend, viele Jahre später geschrieben, zu Jandls 60.Geburtstag. Ich kann nicht mehr sagen, warum so spät; und warum zu seinem Geburtstag. Ich kannte ihn ja noch immer nicht persönlich. Es gab auch keinen Briefwechsel zwischen uns. Und doch muss ich das Bedürfnis gehabt haben, ihm zu gratulieren. Oder sagen wir so: Österreich zu seinen Dichtern zu gratulieren. Ich kannte ja so viele, und mit vielen war ich, worum ich mich damals selbst beneidete, befreundet. Sie waren ganz nach meinem Gusto, die Elfriede Gerstl, der Gerald Bisinger, der Wolfgang Bauer, der Gerhard Rühm, der Jonke. Wir waren während der Buchmesse ohnehin Tag und Nacht zusammen. Ernst Jandl gehörte nicht zum Pulk der trinkfesten Donau-Poeten. Ihn sah ich erst wieder, als ich selbst in Wien Wohnung nahm. Das war im Sommer 1996.


Zwei Leute waren es, die ich, da ich nun endlich in Wien wohnte, treffen wollte: den legendären Box-Reporter Sigi Bergmann, denn ich bin ein Fan von Boxkämpfen – und den Dichter Ernst Jandl, dessen private Telefonnummer zu bekommen nur deshalb nicht ganz aussichtslos war, weil ich mal eine Sternstunde erwischt und im Club2 einen für viele unvergesslichen Auftritt hingelegt hatte, Thema Prostitution! Die Einschaltquoten waren entsprechend. Ich kriegte Jandls Nummer, nahm mir ein Herz und wählte sie. Ich bin in Dingen wie diesen bis heute nervös und fast krankhaft schüchtern.

Jandl, meldete sich Jandl, und ich nannte ihm meinen Namen, den er wiederholte. Er klang gut auf seiner Zunge.

Ich teilte ihm meinen Wunsch mit, ihn treffen zu wollen. Er entsprach diesem Wunsch mit dem Vorschlag, die Begegnung im Café Museum stattfinden zu lassen.

Ich kam etwas zu spät – und war immer noch zu früh. Aber dann, ein Kellner hielt ihm, dem „Herrn Professor“, die Tür auf, erschien er, mit Aktentasche. Er schien geschrumpft. Wie viele Jahre waren seit jenem Abend 1968 vergangen? Mehr Zeit, schien mir, als zählbare Jahre.

Ich vergaß nicht, ihm mein Gedicht zu seinem (nun auch schon einige Zeit zurückliegenden) 60.Geburtstag zu überreichen, das er nicht kannte. Es schien ihn die Gabe zu erfreuen. Er wird sie zu Hause abheften. Erst einmal verschwand das Gedicht, wo sonst, in seiner Aktentasche.

Es war sein Vorschlag, einmal gemeinsam abends zum Essen zu gehen. Bei ihm unten in der Wohllebengasse, schlug er vor, was praktisch wäre. Vielleicht komme, wie ersagte, „Fritzi“ mit, was ich mir mit Friederike Mayröcker übersetzte.

Sie kam dann nicht.

Wir zwei, der alte Jandl und ich, allein – was auch deshalb inzwischen historisch ist, weil das Rauchen noch erlaubt war. Er Pfeife, ich Zigaretten.

Er hatte die Ruhe weg, und ich nach dem zweiten Glas kroatischen Rotwein dann auch. Ich kann mich nicht erinnern, dass über Literatur, Verlage oder Verleger gesprochen wurde, auch über Kollegen nicht. Auch nicht, wie es unter Autoren vorkommen kann, über Fußball oder Hollywood. Aber Geld war, glaube ich, ein Thema, über das wir sprachen, über die von keinem von uns beiden bestrittene Ansicht, in keinem Fall jemals angemessen bezahlt worden zu sein für die Arbeit, die uns auferlegt sei. Rechtecke aus der Luft schneiden! Am besten unsichtbare!


Es gab danach keinen Kontakt mehr. Ei- nem wie ihm läuft man nicht zufällig über den Weg.


Zum Schluss ein kleines Gedicht von mir,FRÜHLING IN WIEN, ein Gedicht, das Ihnen, wenn Sie es laut lesen, den Mann wieder lebendig machen wird, der die deutsche Sprache über die Grenzen der akademischen Grammatik gehoben und mit ihr in die Fremde gegangen ist, in die Häuser der Armut, die Abgründe akuter Sprachlosigkeit.

FRÜHLING IN WIEN

Frühling sein kein Mann allein.

Frühling sein kein ohne Frau.

Frühling sein kein auch ohne Vögel.

Mann sein auch kein ohne Vögel.

Frau aber kein Vögel sein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2010)