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Radsport

Jan Ullrichs Zeitreise in die eigene Vergangenheit

Empfang für den „Sonnenkönig“: Menschenmassen vor dem Bonner Rathaus huldigen Jan Ullrich nach seinem Tour-Sieg 1997.ullstein bild via Getty Images
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Für sein eigenes Seelenheil will Jan Ullrich, Deutschlands gefallener Sportheld, den Mantel des Schweigens ablegen.

München. Jan Ullrich will auspacken. Das hat der inzwischen 48-jährige Deutsche noch einmal bekräftigt und eine umfassende Aufarbeitung seiner Vergangenheit angekündigt. „Es ist wie ein Eiterpickel, den man ausdrücken muss, und dann geht es erst besser“, erklärte der nach seiner Karriere durch zahlreiche Eskapaden auffällig gewordene deutsche Tour-de-France-Sieger. Bühne für die Vergangenheitsbewältigung ist eine vierteilige Dokumentation des Streamingdienstes Amazon Prime Video, die im kommenden Jahr veröffentlicht werden soll.

Darin will Ullrich offenbar auch über Doping reden. „Da ist natürlich Ehrlichkeit und diese ganzen Sachen, wie es wirklich war. Dass man da wirklich auch die Hose runterlässt“, sagte er im Podcast „Alle Wege führen nach Ruhm“. Denn der Gang in die Öffentlichkeit soll vorwiegend ihm selbst helfen.

„Ich hätte mir vor zwei Jahren nicht vorstellen können, dass ich das mache. Aber mein Umfeld hat mich motiviert und gesagt: Mit deiner Art von Verarbeitung hast du es eben nicht geschafft und bist abgedriftet in Alkohol und Drogen. Das war der falsche Weg. Versuch's doch mal so.“ Zuvor habe der gebürtige Rostocker viele Aspekte seines Lebens verdrängt. „Das ging nicht. Man muss das wieder hochholen. Im Gehirn stelle ich mir das so vor: Da sind viele Räume, die abgeschlossen sind. Da muss man wieder ran.“

Abruptes Karriereende

Ullrich („Natürlich habe ich schlaflose Nächte“) hatte vor 25 Jahren als bisher einziger Deutscher das wichtigste Radrennen der Welt gewonnen und einen Radsport-Boom in Deutschland ausgelöst – in einer Zeit, in der sich das Land nach neuen Sporthelden sehnte. Ein Jahrzehnt lang zog er die Fans in den Duellen mit Lance Armstrong in den Bann. 2004 begeisterte er mit seiner redseligen und nahbaren Art auch beim Grazer Altstadt-Kriterium.

2006 ging die Karriere des Olympiasiegers und mehrfachen Weltmeisters abrupt zu Ende, nachdem seine Verbindung zum Dopingarzt Eufemiano Fuentes publik geworden war ( „Operación Puerto“). Das T-Mobile-Team zog einen schnellen Schlussstrich, Ullrich wurde später auch vom Internationalen Sportgerichtshof CAS gesperrt. Es war der tragische Wendepunkt in seinem Leben.

Danach sorgte das einstige Supertalent privat für viele Negativ-Schlagzeilen. 2014 rammte er in der Schweiz mit 1,8 Promille im Blut bei deutlich erhöhter Geschwindigkeit zwei Autos. Seine Ehe zerbrach, Ullrich blieb allein auf Mallorca, wo er im Zuge eines Streits auf dem Nachbar-Grundstück von TV-Star Til Schweiger vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen wurde. Zurück in Deutschland gab es eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einer Escort-Dame, es kam zur Einweisung in eine Psychiatrie.

Dort tauchte plötzlich der alte Rivale Lance Armstrong an seinem Krankenbett auf. Ullrich erholte sich wieder und lebt inzwischen in der Abgeschiedenheit im Breisgau, in der Nähe zu seinen vier Kindern. Die Liebe für den Radsport hat er offenbar weitergegeben, seine beiden Söhne sind in Wangen im Allgäu gerade ihr erstes Radrennen gefahren.

Zurück im Rampenlicht

Im Ullrich-Umfeld kursierten Pläne für ein Bike-Zentrum, öffentliche Auftritte hat er bis zuletzt aber gemieden. Eine ARD-Dokumentation anlässlich seines Tour-de-France-Sieges vor 25 Jahren hat vor wenigen Monaten wieder für große Resonanz gesorgt. Ullrich war darin wegen des Amazon-Vertrags selbst nicht zu Wort gekommen. Dafür Rivale Armstrong, dessen Doping-Geständnis in der TV-Show von Oprah Winfrey nun beinah zehn Jahre zurückliegt. Nun will offenbar auch Jan Ullrich endgültig reinen Tisch machen.


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(red.)