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Charlemagne-Gebäude, Europäische Kommission in Brüssel.
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Vorabdruck

Robert Menasses neuer Roman: Wer in Europa einen Eid bricht

Ist es wirklich Verrat, wenn sich zwischen den politischen Idealen der Jugend und dann den Möglichkeiten der Realpolitik eine Differenz ergibt? Ein Vorabdruck.

Bereits wenige Tage nachdem seiner Frau die Gottesmutter Maria erschienen war, wusste Jaroslaw, dass er sich scheiden lassen musste. Mit dieser Frau, das war ihm klar, konnte ein Mann nicht mehr glücklich werden – und nicht einmal in Polen politische Karriere machen. Aber just der Auslöser für seinen Wunsch, sich endlich scheiden zu lassen, war zugleich das Hindernis: Die ehemals so zynische Frau, die jederzeit zu jedem Agreement bereit gewesen war, wenn es nur ihr Leben in Luxus garantierte, wollte nun, von der Gottesmutter erleuchtet, keine Zustimmung geben, die vor Gott in einem heiligen Sakrament geschlossene Ehe zu trennen.

Adam Prawdower schlug das Buch zu. Wollte er das weiter lesen? Der Roman war Tagesgespräch, ein Schlüsselroman über die politischen Eliten in der Hauptstadt. Ist ein gewisser Abgeordneter schwul und deshalb erpressbar? Es war nicht klar, wer dieser Abgeordnete war, aber jeder hatte seine Vermutung. Ist ein hochrangiger Beamter im Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung wirklich korrupt? Leitete er EU-Fördergelder an eigene Firmen weiter, die von Strohmännern für ihn geführt wurden? Wer war damit gemeint? Hat ein Regierungsmitglied – welches? Jeder wusste: Der! Nein: Der! – ein Verhältnis mit einer Parteisekretärin, die plötzlich bei der polnischen Bahn einen hoch dotierten Verwaltungsposten bekommen hatte?