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Präsidentschaftswahl

Lula gegen Bolsonaro: Richtungswahl in Brasilien

Präsident Jair Bolsonaro muss um seine Wiederwahl zittern.
Präsident Jair Bolsonaro muss um seine Wiederwahl zittern. Er hat mehrmals angekündigt, das Wahlergebnis anzufechten, sollte er verlieren.(c) APA/AFP/CAIO GUATELLI (CAIO GUATELLI)
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Am heutigen Sonntag wird in Brasilien gewählt - und es wird eng für den amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro. Herausforderer und Ex-Präsident Lula liegt in Umfragen vorn.

Brasiliens polarisierender Präsidentschaftswahlkampf endet am Samstag mit den Abschlusskundgebungen von Amtsinhaber Jair Bolsonaro und Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der in den Umfragen vorne liegt. Am Sonntag sind dann mehr als 156 Millionen Brasilianer dazu aufgerufen, einen Präsidenten zu wählen - sowie Parlamentsabgeordnete, Gouverneure und Senatoren.

Lateinamerikas größte Volkswirtschaft ist politisch tief gespalten und einige Beobachter befürchten, dass es nach der Wahl zu Unruhen und Gewalt kommen könnte. Während der 67-jährige, rechtsradikale Staatschef Bolsonaro mit einem Motorrad-Korso zur Kundgebung am Ibirapuera Park im Zentrum São Paulos fährt, hält der 76-jährige Lula seine letzte Wahlkampfrede auf der nur fünf Kilometer entfernten Avenida Paulista.

Lula liegt vor Bolsonaro

Vor der ersten Runde der Präsidentenwahl liegt Lula in den Umfragen deutlich vor Bolsonaro. In einer Erhebung des Instituts Datafolha vom Donnerstag entfielen 50 Prozent der Stimmen auf den Herausforderer, während der Amtsinhaber nur auf 36 Prozent kam.

Sollte Lula am Sonntag mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten, so wäre er bereits im ersten Durchgang zum Staatschef Brasiliens gewählt. Erhält keiner der Kandidaten diese Mehrheit, so treten die beiden Bestplatzierten am 30. Oktober in einer Stichwahl gegeneinander an.

Der Linkspolitiker Lula regierte Brasilien bereits von 2003 bis 2010. Wegen seiner Verwicklung in den Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras verbrachte Lula 2018 und 2019 insgesamt 18 Monate im Gefängnis. Seine Verhaftung war damals umstritten. Vergangenes Jahr wurden die gegen ihn verhängten Urteile vom Obersten Gerichtshof Brasiliens aus formalen Gründen aufgehoben.

Radikaler Stil und „verheerende Umweltbilanz"

Widersacher Bolsonaro kam bei der Präsidentenwahl 2018 als Außenseiter an die Macht. Seine Anhänger mögen seinen radikalen Stil, seine Angriffe gegen das sogenannte Establishment und seine Auftritte in den Online-Medien. Seine Kritiker halten Bolsonaro vor, er habe wenig vorzuweisen außer hasserfüllten Sprüchen, Missmanagement der Corona-Pandemie und einer verheerenden Umweltbilanz.

Unter Bolsonaros Führung wurde nicht nur die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes vorangetrieben, auch der Hunger kam zurück nach Brasilien. Das Land stand 2021 wieder auf der Hungerkarte des Welternährungsprogramms (WFP), weil rund 29 Prozent der Bevölkerung in "mittlerer oder schwerer Ernährungsunsicherheit" leben. Mit seinen Erlassen hat der Staatschef und Ex-Militär zudem den Zugang zu Schusswaffen massiv erleichtert. Inzwischen gibt es fast doppelt so viele private Waffenbesitzer wie Polizisten.

Durch den ehemaligen Präsidenten konnten sich rund 30 Millionen Menschen aus der Armut befreien
Bolsonaros großer Widersacher Lula da Silva. Durch den ehemaligen Präsidenten konnten sich rund 30 Millionen Menschen aus der Armut befreien(c) APA/AFP/JL ROSA (JL ROSA)

Lula kombinierte als erster Präsident aus der Arbeiterklasse in seiner Regierungszeit bahnbrechende Sozialprogramme mit marktfreundlicher Wirtschaftspolitik. Dadurch konnten sich in Brasilien, wo massive soziale Ungleichheit herrscht, rund 30 Millionen Menschen aus der Armut befreien. Ein Wirtschaftsboom, der auf steigenden Rohstoffpreisen beruhte, half ihm, etliche Korruptionsskandale zu überstehen.

Bolsonaro wird bei Schlappe Wahl anfechten

Bolsonaro hat mehrmals angekündigt, das Wahlergebnis anzufechten, sollte er verlieren. "Nur Gott" könne ihn aus dem Amt entfernen, sagt er und behauptet ohne jede Beweise, es gebe ausgedehnten Betrug in Brasiliens elektronischem Wahlsystem. Bei einer Wahlkampfveranstaltung sagte Bolsonaro, für ihn gebe es nur drei mögliche Ergebnisse: "Gefängnis, Tod oder Sieg".

Sein Kontrahent Lula sagte am Freitag, er befürchte, Bolsonaro könne im Falle einer Niederlage "Unruhe" stiften. Viele Leute machen sich auf eine brasilianische Version der Unruhen gefasst, die nach der Weigerung von Bolsonaros politischem Vorbild Donald Trump, seine Niederlage anzuerkennen, die USA erschütterten.

Michael Shifter vom Politikinstitut Inter-American Dialogue sagte der Nachrichtenagentur AFP, bei der Wahl stünde die "Demokratie" selbst zur Wahl. Bolsonaro sei der "undemokratischste Präsident" seit Brasiliens Militärdiktatur von 1964 bis 1985 - deren Ende der amtierende Präsident offen bedauert. Zu einem gewissen Grad seien Unruhen und Gewalt im Zuge der Wahl "wohl wahrscheinlich", sagte Shifter.

Für den Fall eines Sieges im ersten Wahlgang plant Lulas Team ein riesiges Straßenfest in São Paulo. Doch der Amtsinhaber, zu dessen Wiederwahl Brasiliens Fußball-Superstar Neymar erst kürzlich aufrief, wird sich sicher nicht kampflos ergeben.

(APA/AFP (Florence Goisnard))

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