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Kulturschaffende fürchten um FM4 und Ö1

ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher.
ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher.Die Presse/Clemens Fabry
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Könnte FM4 ein junges Ö3 werden? Diese Frage erhitzt derzeit die Gemüter. Ebenso wie kolportierte Sparpläne bei Ö1. ORF-General Weißmann äußerte sich.

Es war vor allem ein Satz von ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher, der am Wochenende für reichlich Aufregung sorgte. In einem Interview mit dem "Standard" wurde sie nach der ungewissen Zukunft des Radiosenders FM4 gefragt. Es ging darum, dass dem ORF "ein junges Ö3" fehle. Könnte FM4 diesen Platz einnehmen? Thurnher darauf völlig offen: "Vielleicht wird es das. Das weiß man nicht.“ Weiters sind Sparpläne bei Ö1 in Diskussion.

Auf das Interview folgte am Wochenende ein offener Brief, den zahlreiche Größen der Kunst- und Kulturszene unterzeichneten. Von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann und ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher wurde ein klares Bekenntnis zum Fortbestand von FM4 und Ö1 als Kunst- und Kultursender dieses Landes gefordert. ORF-Chef Weißmann sagte daraufhin: "Ö1 und FM4 werden auch weiterhin die breite Plattform für österreichische Kunst und Kultur sein.“ 

Jedenfalls aber mutet FM4 schon in dieser Woche etwas anders an: mit Comedy zu Mittag und einem Tagesmagazin am Abend. Dass die Zukunft von FM4 nun in Richtung Ö3 gehen könnte, ist für viele ein rotes Tuch, weil es mit einer Kommerzialisierung und Verflachung gleichgesetzt wird. (Immerhin hat Ö3 seit Jahrzehnten Formate wie die durchaus ernst gemeinte Ratgebersendung von "Starastrologin" Gerda Rogers im Programm.)

Die FM4-Community wolle man nicht verlieren, sagte Thurnher. Aber eine Frage sei: "Brauchen die ein 24/7-Angebot oder hören die nur abends FM4? Kann der Sender nicht verschiedene Zielgruppen zu unterschiedlichen Zeiten bedienen?"

Welche Formate auf Ö1 gestrichen werden könnten

Gleichzeitig kündigte Thurnher für Ö1 "mehr Content, weniger Köchel-Verzeichnis" an. Der Sender könnte wegen Sparvorgaben auch eine Reihe gewohnter Formate verlieren bzw. könnte ihr Umfang deutlich eingeschränkt werden: die "Jazznacht" etwa, das "Kunstradio", "Passagen", "Kinderuni", "Heimspiel", "Philosophie am Feiertag". Auf der Sparliste soll zudem "Zeit-Ton" für moderne, auch experimentelle Musik im Nachtprogramm von Ö1 stehen, wie der "Standard" berichtete. Kolportiert würden weiters "Rudi, der Radiohund" und "Moment am Sonntag" als mögliche Streichkandidaten.

Einsparungen bei Ö1 sollen sich vor allem auf weniger gehörte Sendungen und programmliche Randzonen beschränken, sagte Thurnher. Gleichzeitig habe man sich vorgenommen, Programminnovationen in der Radio-Primetime umzusetzen. Und: "Natürlich hat Ö1 als Info- und Kultursender auch eine Aufgabe als Kulturproduzent. Das ist eine wirkliche Funktion von Ö1, die wir nicht aufgeben dürfen. Aber vielleicht geht nicht mehr alles, was bisher gegangen ist." Nun will Thurnher die Ergebnisse einer Audiomarkt-Studie abwarten. Sie soll Aufschluss darüber geben, "mit welchen Zielgruppen wir wo hineingehen". Erst dann könne man Entscheidungen treffen, mit welchen Angeboten man wo vertreten sei.

Der Offene Brief

Der Offene Brief an die ORF-Geschäftsführung ist unter anderem von Bilderbuch, Wanda, Dirk von Lowtzow sowie Kunst- und Kulturgrößen wie Josef Hader, Veronika Franz, David Schalko, Nikolaus Ofczarek, Verena Altenberger, Thomas Stipsits, Michael Ostrowski und Ulrich Seidl unterzeichnet. Sie fordern, Gebührengelder für Bildung, Kunst und Kultur zu investieren. Dies sei jedoch keine Absage an Veränderungen. "Dies ist die Aufforderung, diese nach öffentlich-rechtlichen und kulturellen statt nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien umzusetzen." Auch SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch hielt in einer Aussendung fest, dass es ein klares Bekenntnis der ORF-Führung zum öffentlich-rechtlichen Auftrag der ORF-Radioflotte brauche. Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren forderte, "sämtliche Pläne einzustellen, die den Weiterbestand von Ö1 gefährden".

ORF-Chef Weißmann hielt schriftlich fest, "selbstverständlich" die Kritik der namhaften Kunstschaffenden "sehr ernst" zu nehmen. "Es ist unser Auftrag und Anspruch, der heimischen Kreativszene als Auftraggeber, Plattform und Multiplikator zu dienen", so Weißmann. Der öffentlich-rechtliche Auftrag und der Umfang der ORF-Radioangebote stehe in keiner Weise zur Disposition. Auch entbehre eine aus den Aussagen falsch abgeleitete Kommerzialisierung der ORF-Radioflotte jeder Grundlage. "Eine wirtschaftliche und sparsame Gebarung ist allerdings auch und gerade für den ORF als überwiegend öffentlich finanzierte Institution eine Notwendigkeit", merkte der ORF-Generaldirektor an. Ziel sei es, die Radioflotte des ORF in die digitale Welt zu transformieren, sie in Einklang mit den sich ändernden Hör-Möglichkeiten und -Gewohnheiten unserer Hörerinnen und Hörer zu bringen und zu optimieren.

Er bemängelte eine "sehr verkürzte, polemische Darstellung" bzw. freie Interpretation Thurnhers Aussagen. So ist im offenen Brief von FM4 als "ein Art Ö3 für Junge" und Ö1 als "eine Art CNN Radio für Arme" zu lesen. Er lädt die Unterzeichnenden des Briefs ein, sich aktiv und konstruktiv und ohne Polemik an den Überlegungen für die Zukunft der Radioflotte zu beteiligen.

(red.)