ServusTV: Der Provinzsender mit Weltprogramm

ServusTV Provinzsender Weltprogramm
ServusTV Provinzsender Weltprogramm(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Reichart)
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Es klingt fast wie ein Märchen moderner Mediengeschichte. In Salzburg werkt seit über einem Jahr ein privater Fernsehsender und macht ein Programm, das sich manche vom ORF wünschen würden. Was passiert da bei ServusTV?

Das Gebäude könnte unscheinbarer nicht sein. Wer das erste Mal den Fernsehsender ServusTV im Salzburger Vorort Wals-Himmelreich besucht, braucht eine Weile, bis er das Bürohaus findet. Inmitten einer wenig charmanten Einkaufsstraße, neben Schuhdiskontern und über einem Burger King prangt das Logo des Senders.

So unscheinbar von außen, so unspektakulär ist auch die Redaktion im Inneren: Ein Großraumbüro wie viele andere, die verglasten Arbeitskojen und Studios auf mehrere Stockwerke verteilt, die Möbel nur einen Hauch moderner als anderswo. Auffallend sind nur die in der Wand verbauten Kühlschränke, die die konzerneigenen Getränke lagern – und das bundesdeutsche Idiom vieler Mitarbeiter.

Das unscheinbare Äußere des Servus-Büros passt nicht mehr so recht zum Image des Senders von Red-Bull-Patron Dietrich Mateschitz. Vor mehr als einem Jahr ist der als Vollprogramm ins Kabelnetz gestartet. Andererseits: Zum Protzen hat das mehrheitlich von Deutschen geführte TV-Team ohnehin den Hangar7 am Salzburger Flughafen, der auch zum Red-Bull-Imperium gehört. Hier werden die Talkrunden am Montag und Donnerstag vor großem Publikum produziert. So wie die nach dem Formel-1-Sieg von Sebastian Vettel im November, in deren Anschluss eine große Siegerparty gefeiert wurde. Es war wohl nicht besonders schwer, den Red-Bull-Fahrer in den Hangar zu holen; unbezahlbare Aufmerksamkeit hat es dem Sender jedenfalls gebracht. Das sind Synergien, die der große Mutterkonzern ermöglicht: Man hat die Sportstars „on air“, weil der Konzern sie sponsert.

Aber es sind nicht mehr nur die Sportsendungen, die den neuen Privaten zum Gesprächsthema machen. Es sind die vielen prominenten Köpfe, die neuerdings für ihn arbeiten: Ex-Operndirektor Ioan Holender, Reinhard Schwabenitzky oder Teddy Podgorski. Es sind die prominenten Gäste: der erste Mann auf dem Mond Neil Armstrong, Claus Peymann, Elke Heidenreich. Es ist die hauseigene Hauptabendserie „Eine Couch für alle“ von Reinhard Schwabenitzy, der so dem ORF untreu wurde. Und es ist die Tatsache, dass der Sender einem der reichsten Österreicher gehört. Weshalb viele den Sender nach wie vor „Red-Bull-TV“ nennen.


Kein Wort zu Mateschitz. Die zugeknöpfte Kommunikationspolitik des Mutterkonzerns setzt sich auch im Management des TV-Senders fort. Geschäftsführer Martin Blank, der Anfang 2010 von Puls4 kam, sagt: „Über Mateschitz reden wir nicht.“ Dann kommt doch ein Satz: „Er ist als Eigentümer sehr interessiert.“ Wie stark er beim Programm mitredet, bleibt geheim, wie viel Geld der Sender hat, auch. Dass das Programm aber in allen Belangen auf seinen Geschmack abgestimmt ist, steht fest. Wie wichtig ihm Qualität ist, zeigte schon die Entscheidung, mit Wolfgang Pütz einen Programmchef zu installieren, der vom öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunk kam. Dessen Lieblingssatz: „Dschungel-Camp und Casting-Shows wird man bei uns nie sehen.“

Stattdessen gibt es seit vergangener Woche Ioan Holender, 14-tägig. Er moderiert die Sendung „kulTOUR“, und ihm scheint der Eigentümer völlig egal zu sein. „Ich weiß nicht einmal, wem dieser Sender gehört“, sagt er. Was ihm schon nach dem Dreh der ersten beiden Sendungen (die zweite wird am 28.12. ausgestraht) aufgefallen ist: „Die Professionalität. Das Ergebnis ist wichtiger als die Menschen dahinter. Das ist ein bisschen wie in der Staatsoper.“


Neues Magazin. Seit kurzem produziert der Konzern auch ein Printmagazin. „Servus – in Stadt&Land“ ist eine Art „Nachlese“ des Senders, obwohl das dessen Macher nicht so sehen. Das Monatsheft (3,90€) geht als glatt, wenn auch professionnel gemachter „Wohlfühlratgeber“ durch. Der Inhalt: Kulinarisches, Brauchtum und viele schöne Bilder von schönen Dingen, die man nicht notwendig zum Leben braucht.

Der Sender hat 15 Monate nach dem Start ins Vollprogramm zwar eine technische Reichweite von 70 Prozent erreicht. Dennoch gibt es jede Menge Fernsehbesitzer, die nicht wissen, dass sie den Sender mit dem provinziell anmutenden Namen, der an die Grußformel im Sendekerngebiet, dem Alpen-Donau-Adria-Raum, anspielt, empfangen können. Der Marktanteil von 0,6 Prozent ist (noch) nicht unbedingt eine Gefahr für die Konkurrenz. Geschäftsführer Blank weiß, dass der Sender nie „die ganz breite Masse“ ansprechen wird: „Wir machen Fernsehen für Menschen, die wach und intelligent sind und nicht nur berieselt werden wollen. Durch die Verbreitung auch in Deutschland und der Schweiz glauben wir, genug von unserer Zielgruppe erreichen zu können, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.“ Das klingt wie ein Märchen moderner Mediengeschichte: Da produziert ein Sender hochwertiges Programm, das keinen Quotentest bestehen muss. Programmdirektor Pütz kann die Mär „vom Füllhorn, das jeden Tag über uns ausgeschüttet wird“, nicht mehr hören. Auch bei ihnen müsse man auf das Geld schauen, der Vorteil des Senders sei die flache Hierarchie.

Journalist Thomas Rottenberg moderiert die Büchersendung „LiteraTOUR“. Die Idee, mit einem hellblauen Alfa Spider Duetto von Ort zu Ort zu fahren und Autoren zu interviewen, stammt von Mateschitz selbst. Rottenberg sagt, er spüre, dass ihn mittlerweile immer mehr Menschen positiv auf den Sender ansprechen.


Ein 3sat der Privaten. Begeistert sind auch die deutschen Medien. Sie preisen den Sender als „3sat der Privaten“; „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher ist ein großer Fan, weshalb die Donnerstags-Talkrunde nun ein Mal monatlich aus dem „FAZ“-Gebäude in Berlin gesendet wird. ServusTV mache mit privatem Geld ein öffentlich-rechtliches Programm, heißt es immer wieder. Das kommt nun auch langsam in Österreich an: Der „Journalist“ hat soeben einen Sonderpreis „für Programm in bester öffentlich-rechtlicher Manier“an Programmchef Pütz verliehen. So etwas soll ORF-nahe Politiker, wie Laura Rudas, an die Decke bringen.

Im Fernsehwasserkopf Wien blickt man generell mit Neid oder Misstrauen gen Westen. Dennoch beginnen Jobgerüchte derzeit oft auf dem Küniglberg und enden im Hangar7: Elmar Oberhauser und die scheidende „Universum“-Redaktion sahen manche schon in Salzburg. „Wir kommentieren das nicht“, so Blank. Zuletzt verhalf sich ServusTV mit einer Aussendung zu einer provokanten Meldung: „ServusTV überholt ORF auf dem Weg zum Südpol“. Gemeint war die populäre BBC-Doku „Race to the Pole“, die Servus zeigt, bevor der ORF seine Südpolexpeditions-Soap startet.

Teddy Podgorski wollte auf Anfrage lieber nichts dazu sagen, warum ausgerechnet er, das ORF-Urgestein und Ex-Intendant, nun bei Servus „talkt“. Vielleicht, weil er ahnt, dass da in Salzburg etwas wächst, das dem ORF früher oder später schaden könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2010)

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