Volkstheater: Der Menschenfeind irrt durchs Museum

Volkstheater Menschenfeind irrt durchs
Volkstheater Menschenfeind irrt durchs(c) REUTERS (HERWIG PRAMMER)
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Michael Schottenberg inszeniert Ferdinand Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" mit Lust, Ideenreichtum und einem starken Ensemble, das TV-Star Andreas Vitásek differenziert zur Seite steht.

Wo sind denn die Alpen geblieben? Hausherr Michael Schottenberg hat sie bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ (1828), die am Freitag im Wiener Volkstheater Premiere hatte, einfach weggezaubert. Der König aus dem Geisterreich (Thomas Kamper) ist ein blinder Wächter in einem Museum. Nur Sphärenmusik (Mischa Krausz) mit Saxofon und Harfe aus dem Orchestergraben erinnert daran, dass ein melancholisches Märchen gespielt wird. Im nächtlichen Museum beginnt die Show, im Durchgang zwischen den Sälen VII und IX einer Gemäldesammlung, dem „Saal der schlafenden Vernunft“.

Malchen (Andrea Wenzl), die verliebte Tochter des Menschenfeindes Rappelkopf (Andreas Vitásek) zieht sich in diesen Raum zurück. Sie wartet auf ihren Auserwählten, den vom Vater abgelehnten Kunstmaler August Dorn (Matthias Mamedof), der für fast drei Jahre zur Lehre in Italien war. Jetzt aber ist er zurück, erhebt sich mit Koffer und Tasche von seinem Sitz im Parkett und eilt auf die Bühne, um seinem Malchen den längsten Kuss der laufenden Saison zu geben. Minutenlang. Dieses von Wenzl großartig gespielte Mädchen ist eine starke Person. Sie hebt den Geliebten hoch und herzt ihn, die halbe Bühne mit artistischen Verrenkungen ausnutzend. Wahrscheinlich braucht so ein Energiebündel gar keine höhere Macht, um ihren Kopf durchzusetzen, aber schon steht er links in der Tür, der Geisterkönig, und verspricht dem Paar mit feierlich gesetzten Worten Glück.

Das ist nicht selbstverständlich. Die Ausgangslage erweist sich nämlich als fatal. Rappelkopf hat scheinbar sein beträchtliches Vermögen verloren (bei riskanten Geschäften in Italien!), er hasst die Kunst, er hasst die Menschen, er hasst sich selbst, aber die Sache geht dann doch gut aus. Letzteres gilt auch, so viel sei gleich verraten, für Schottenberg und sein Ensemble, denn bei ihm siegt die Fantasie über die Vernunft. Dieses Spiel von und mit Ferdinand Raimund bezaubert. Und das ist die Leistung des gesamten Teams.


Erbärmliche Couplets. Denn die Voraussetzungen sind auch hier nicht günstig: Vitásek kann nicht singen, seine Couplets sind erbärmlich. Er brüllt sich durch diese Paraderolle, kennt kaum Abstufungen der Emotion. Wenn nach der Pause Kamper seine Rolle als Doppelgänger übernimmt, der den Rasenden zur Einsicht, Heilung und ansatzweise zur Vernunft bringt, wirkt das wie eine glänzende Karikatur der Karikatur. So überdreht muss Schizophrenie gespielt werden – schreien und flüstern bis in den Wahnsinn.

Die Bühne in der Bühne (Hans Kudlich), ein himmelblauer Guckkasten mit verzerrten Perspektiven und Stühlen wie von van Gogh gemalt, ist der passende Rahmen – ziemlich schräg, mit einem schrillen Protagonisten. Bei den Knalleffekten wird diesmal auch nicht gespart. Neben den üblichen Video-Effekten gibt es Feuer- und Wasserspiele, eine possierliche Theater-Zertrümmerung, eine belanglos dunkle Szene der Köhler-Familie und eine fantastische mit Frauenleichen.

Trotz seiner (gespielten?) Schwächen ist Vitásek bei diesem Ausflug ins Dramatische köstlich anzuschauen. Im Hauptberuf ein genialer und berühmter Kabarettist, hat er eine natürliche Begabung, Empathie zu wecken. Auch steigert er sich im Finale furios. Das liegt aber in hohem Maß an seinen Mitspielern. Sie differenzieren und sind in manchen Phasen brillant. Andy Hallwaxx, Andrea Bröderbauer und Christoph F. Krutzler sind als possenhafte Domestiken verlässlich. Claudia Sabitzer als Rappelkopfs Gattin Sophie verleiht dem Schauspiel die nötige Dosis Trauer und Sentiment, Thomas Bauer als Alpanor im Kreis von Doppelgängern die Würde.


Komödien-König Petters. Der eigentliche König dieser Komödie aber ist Heinz Petters als rettender Onkel Moritz Silberkern (in den der Alpenkönig den Menschenfeind verwandelt, damit er sich selbst und sein Wirken auf andere erkennen kann). Schottenberg hat Petters eine geniale Passage jenseits von Raimund auf den Leib geschneidert. Dieser Onkel ist ein desorientierter Herr, der sich wie aus dem Jenseits auf die Bühne verirrt hat, das Publikum anspricht, mit der Souffleuse scherzt und ein raffiniertes Spiel im Spiel betreibt. Das ist der Stoff, aus dem die Theaterträume sind. Wenn Petters davon schwärmt, dass er selbst einmal auf eben dieser Bühne vor fast einem halben Jahrhundert fesche junge Liebhaber in Raimund-Stücken gegeben hat, dann ist das ein Schwindel erregendes Spiel mit der Nostalgie und ganz nah an alten Zaubermärchen.


Liebevolle Annäherung. Schottenberg sind also einige Glücksgriffe in der Besetzung gelungen. Auch das Kalkül, einem TV-Star die Hauptrolle zu geben, könnte sich zumindest für die Auslastung des zuletzt wegen schwindender Abonnements gebeutelten Hauses als gelungen erweisen. Diese Inszenierung, die sich Raimund mit Liebe und großem Aufwand nähert, könnte einiges an Zinsen bringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2010)

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