Wiener Kreativnachlese: Eine schöne Bilanz

Wiener Kreativnachlese Eine schoene
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Ohne Zahlen geht es auch: Das thematisch breit aufgestellte Buch "New Vienna Now" zeichnet ein repräsentatives Bild von Ideenarbeit in der Bundeshauptstadt

Kreativwirtschaft, das belegt auch der aktuelle Branchenbericht (siehe oben), ist Metropolensache. Das ist in ganz Europa so, und in Österreich nicht anders. Über 40 Prozent der heimischen Kreativarbeiter werken in Wien. In Anbetracht dieser Hauptstadtkonzentration ist es durchaus sinnvoll, das kürzlich erschienene Buch „New Vienna Now“ als Lektüre mit Repräsentationscharakter zu betrachten.

Exotische Anmutung. Der französische Literaturtheoretiker Gérard Genette empfiehlt, sich einem Buch über sogenannte „paratextuelle Merkmale“ zu nähern, zu denen auch Umschlaggestaltung und Layout zählen. Dass bei „New Vienna Now“ der in New York lebende Grafikguru aus Vorarlberg, Stefan Sagmeister, zum Zug kam, ist folglich als Erweiterung der inhaltlichen Ebene zu sehen und ließe sich etwa so interpretieren: Man will sich groß, man will sich wichtig, man will sich international.

Dass die Beiträge auf Englisch und Deutsch abgedruckt sind und dass, was in Anbetracht des Aufgebots einer durchwegs deutschsprachigen Autorenriege ein wenig verwundern mag, die deutsche Fassung der englischen als „Übersetzung“ nachgestellt wird, zeugt ebenfalls von weltenbürgerlicher Wirkungsabsicht. Es müssen aber gar nicht nicht paratextuelle oder translationstheoretische Ansätze bemüht werden, um zu dieser Einsicht zu gelangen, erörtert doch der Herausgeber und departure-Geschäftsführer Christoph Thun-Hohenstein in seinem Geleitwort („Eine europäische Stadt“) die Hintergründe: „Die Wiener“, schreibt er, „sind dafür berühmt, die Kreativität ihrer Stadt nach Kräften zu ignorieren.“ Das Vertraute mit der Anmutung des Fremdländischen zu versehen trägt vielleicht zu einem Umdenkprozess bei. Daneben geht es um anderes: Man wolle, meint Thun-Hohenstein weiter, auch auswärtige Leser, zuvorderst Kreative, ansprechen und neugierig auf die Stadt machen.

Rundumblick mit Lockfunktion. In insgesamt sechzehn Kapiteln widmen sich Experten verschiedenen Aspekten der Kreativ- und Kulturwirtschaft in der Bundeshauptstadt. Entsprechend der Definition im „Creative Economy Report“ der Vereinten Nationen bzw. auch dem österreichischen Verständnis folgend gesellen sich im Panorama von „New Vienna Now“ die Literatur, der Film oder die Musik zu Bereichen wie Mode, Design, Architektur oder Software und Games. Die Suche nach ästhetischen Gemeinsamkeiten, die über das Bewohnen derselben Lokalität erklärbar wären, wird den Lesern dankenswerterweise erspart. Die Wiener Szene wird hier keineswegs, was nur künstlich geschehen könnte, als homogenes Ganzes dargestellt, sondern als die Summe ihrer zahlreichen Komponenten. So verleiht, was etwa die Gegenwartskunst betrifft, Manisha Jothady zwar ihrer Überzeugung Ausdruck, dass sich Wiener Ansätze „wie ein Pop-Exportschlager vermarkten ließen“, und doch verwundert wenig, dass Kunstmarketingprofis vor der Selbstverabreichung eines allzu plakativen Made-in-Vienna-Mascherls bei Messeauftritten zurückschrecken. Im Lokalen verankerten Definitionen haftet nämlich schnell einmal der Beigeschmack des Provinziellen an.

Differenzierte Sicht. Man kennt das aus der Mode, wo „Austrian Fashion“ eher terminologisch kompakt als sonst wie homogen begreifbar ist – weder von außen noch von innen besehen übrigens. Man kennt es auch aus dem Film, wo freilich, wie Alexander Horwath schreibt, dank Haneke, Ruzowitzky und Co. eine „international wahrgenommene Marke“ existiert, hinter der aber eine reiche und vielfältige Filmkultur steht. Um der vielfältigen Natur kreativen Arbeitens gerecht zu werden, bedarf es eines ausgeprägten Unterscheidungsvermögens – was bei den Beiträgen der vorliegenden Publikation erfreulicherweise der Fall ist.

Die Einschätzung Thun-Hohensteins, dass Wien sich wie einst im Fin-de-Siècle „inmitten einer erneuten Selbstverjüngung und -neuerfindung“ befinde, mutet zwar kühn an. Das sich aus „New Vienna Now“ ergebende Gesamtbild, selbst wenn es ohne Zahlen und Tabellen auskommt, stützt diese These allerdings auf beredte Weise.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2010)

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