Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Die Ukraine sieht manchmal so sehr nach Québec aus": Scharfschütze und Familienvater Wali über das Leben zwischen zwei Welten.
Premium
Scharfschütze

Scharfschütze Wali zurück in der Ukraine: "Der Krieg verlässt eben den Soldaten nicht...."

Scharfschütze "Wali" aus Kanada hat nach einem Einsatz in der Ukraine eine Pause vom Krieg gebraucht. Nun ist er zurück - aber hat dort eine andere Rolle eingenommen. Die Zeiten der Verteidigung seien vorbei, sagt er, nun werde aktiv angegriffen. "Und dafür braucht es mehr von meiner Sorte."

Es ist März 2022. Der kanadische Scharfschütze mit dem Kriegsnamen "Wali" ist dem Ruf von Wolodymyr Selenskij gefolgt und als einer der ersten freiwilligen Ausländer in den Krieg gezogen, um an der Seite der Ukraine gegen die russischen Invasoren zu kämpfen. Es ist bitterkalt. Die Orte, an denen er im Einsatz ist, Irpin, Butscha, Isjum, sie sind verwüstet. Die Bewohner sind verschwunden, der Krieg hat Einzug in ihr bisher friedvolles Leben gehalten. Wali hilft in dieser Zeit dabei, die russische Armee davon abzuhalten, die ukrainische Hauptstadt einzukreisen. Er begegnet dabei dem Tod aus nächster Nähe. Erlebt Verzweiflung und menschliches Leid, verliert Kameraden, fällt beinahe einem Bombenangriff zum Opfer. Und bringt selbst Menschen um.

Sechs Monate später besucht er diese Orte. Und er erkennt sie kaum wieder. "Früher haben wir hier gekämpft. Ich kann exakt sagen, wo der Feind gestanden ist. Und jetzt sind diese Gebiete frei." In die Vororte der ukrainischen Hauptstadt ist das Leben zurückgekehrt. Die Geschäfte sind geöffnet, die Regale mit Lebensmitteln gefüllt. Die Menschen sind auf der Straße unterwegs, richten ihre Häuser und Gärten her, gehen ihrer Arbeit nach, treffen einander in Bars und Cafés. "Sie verstecken sich nicht mehr, sie beginnen wieder zu leben", erzählt Wali. "Und dass wir dabei geholfen haben, das ist ein unglaublich gutes Gefühl. Es zeigt, wie wichtig die Arbeit der Soldaten ist."

Deshalb ist er wieder zurück in der Ukraine - aber hat eine neue Rolle eingenommen. Er bildet jetzt Scharfschützen aus. "Die Presse" erreicht ihn in einer Wohnung in Kiew. "Man stellt sich das vielleicht so vor, dass ich mich direkt ins Kriegsgeschehen begebe, mich in einen Schützengraben lege und anfange zu schießen. Aber so läuft das nicht." Bevor der eigentliche Einsatz beginnt, ist noch viel zu tun. "Papierkram, Logistik, Organisation. Und viel Training." Schließlich wurden Männer eingezogen, die keine Kriegserfahrung haben. "Und die wissen nicht, wie man auf dem Schlachtfeld überlebt. Sie können keine Distanzen abschätzen, wissen nicht, aus welcher Entfernung man schießt. Überhaupt, sie wissen nicht, wie man richtig schießt. Sie haben nie eine Kampfsituation miterlebt. Vielleicht in Filmen oder Videospielen. Aber sie haben keine Ahnung davon, wie das Leben im Krieg ist."