Bechtolf: Shakespeares Narr ist nicht lustig

Bechtolf Shakespeares Narr nicht
Bechtolf Shakespeares Narr nicht(c) Burgtheater
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Sven-Eric Bechtolf über die Verwirrung der Geschlechter in "Was ihr wollt", abgelebte ältere Herren, die mangelhafte Qualität des Fernsehens und seine Vorfreude auf die Programmgestaltung der Salzburger Festspiele.

Die Presse: Sie spielen demnächst den Narren Feste in William Shakespeares „Was ihr wollt“ im Burgtheater, in der Regie des Direktors. Bald aber sind Sie selbst Theaterdirektor, bei den Salzburger Festspielen ab Herbst 2011. Machen diese Umstände Ihre Rolle zu etwas Besonderem?

Sven-Eric Bechtolf: Ich habe noch nie mit Matthias Hartmann zusammengearbeitet. Ich habe zwar viel in Zürich gespielt, aber das war weit vor Hartmanns Tätigkeit dort, wahrscheinlich sogar vor seiner Geburt (lacht). Die Proben hier sind professionell und freundschaftlich. Es ist also so wie immer, nur dass es mein letzter Auftritt vor Salzburg sein wird und ich als letzte Rolle den Narren spiele. Sehr symbolträchtig!

Wie würden Sie die Rolle des Narren beschreiben?

Er hat so merkwürdige, witzige Wortspiele, die schwer zu fassen sind. Sie wirken manchmal seltsam unkomisch und sollen vielleicht auch nicht „komisch“ sein. Der Narr weist auf die Unzuverlässigkeit von Sprache hin, es geht ihm weniger darum, lustig sein zu wollen. Seine Sätze sind verwirrend, wirken verschlüsselt. Man spürt, er weiß mehr als andere, aber dabei kommt es einem so vor, als spiele er eigentlich in einem anderen Stück, in einem anderen Kosmos mit und käme nur gelegentlich in „Was ihr wollt“ zurück. Er sagt nicht, wie er sich fühlt, hat auch keinen einzigen Monolog, in dem er uns über sich informieren würde. Er ist einfach da und funktioniert wie eine Pingpong-Maschine, die Bälle ununterbrochen zurückschlägt und ihnen Schnitt gibt. Er ist manchmal ein böser Zyniker, manchmal traurig, wie intelligente Menschen eben so sind.

Dieser Narr geht in zwei Häusern ein und aus.

Er dient zwei Herren, weil er Geld verdienen muss. Man geht davon aus, dass Feste älter ist, er war schon der Liebling von Olivias Vater. Dauernd wird ihm gesagt, dass er eigentlich ein ziemlich unwitziger Narr sei, was für einen Narren nicht so wahnsinnig aufbauend ist. Ist es nicht seltsam, dass in einem Stück, in dem sich alle ziemlich närrisch benehmen, ausgerechnet der Narr nicht lustig ist?

Die Narrheit scheint hier eben überall zu sein. Sie haben ordentlich Konkurrenz.

Michi Maertens, Niki Ofczarek, Joachim Meyerhoff und Maria Happel sind schon eine Marke für sich. Die haben die großen „Gänge“, die großen Gerichte. Der Narr ist ein bitteres, irritierendes Gewürz dazu, er spielt also außer Konkurrenz, gibt eine Grundfarbe an. Das ist ziemlich schwer. Das Stück ist ja nur oberflächlich lustig, ist eigentlich sehr irritierend: ein Spiel der Geschlechterrollen. Das war im Elisabethanischen Theater, als die Frauenrollen von Knaben gespielt wurden, besonders verwirrend. Wenn ein Knabe ein Mädchen spielt, das einen Knaben spielt.

Sie singen auch sehr schöne, traurige Lieder. Üben Sie da allein vorm Spiegel?

Beim Singen nützt der Spiegel nichts. Claus Riedel, der Musiker und Komponist, hat für die Inszenierung einige berührende Stücke geschrieben.

Sie spielen einen älteren Herren. Mit 52 Jahren war Shakespeare schon tot.

Ich bin 52! Wenn nicht tot, war man mit 52 zumindest abgelebt. Auch für Feste wird es keine großen Betätigungsfelder mehr geben.

Wie sieht es mit Ihren Betätigungsfeldern aus?

Ich sehe eine natürliche Entwicklung – nicht unterschiedliche Wege, sondern nur verschiedene Schwerpunkte innerhalb eines Weges. Neben dem Schauspiel und der Regie nun Salzburg. Ich sehe meine Aufgabe bei den Festspielen nicht so sehr als Kulturmanager, sondern als Programmgestalter. Das macht mir große Freude. Ich habe mich auch nie als reinen Berufsschauspieler gesehen.

Zählen Sie sich als Regisseur eher zur Tradition oder zur Avantgarde?

Gegen diese Begriffe habe ich ein leises Misstrauen. Was ist schon Avantgarde? Das wäre doch nur eine weitere Schublade. Ich trete für die Polyphonie von Theater ein. Dieses merkwürdige Schaugerüst kann viele unterschiedliche Dinge und sollte sie auch zeigen. Regisseure haben in erster Linie dafür zu sorgen, dass der Theaterabend funktioniert und Begeisterung hervorruft.

Im TV waren Sie früher öfter zu sehen, jetzt kaum noch. Ist das Zufall oder mangelndes Interesse?

Das ist kein Zufall. Ich habe meine lieben Schwierigkeiten, weil ich meist die Qualität so mangelhaft finde. Ab und zu gibt es interessante Projekte, aber die gehen sich dann oft nicht aus. Man kann sich auch nicht eben die Rosinen rauspicken.

Aber wenigstens gibt es mehr Geld. Es besteht auch hierbei ein Riesenunterschied zum Theater.

Das ist faktisch so. Man muss eben mit weniger Geld auskommen oder mit anderen Sachen etwas verdienen.

Ab wann hat sich Ihre Beschäftigung mit Shakespeare intensiviert?

Ich habe seine Stücke schon sehr früh gespielt, bereits an der Schauspielschule. Richtig intensiv wurde die Beschäftigung, als ich „Romeo und Julia“ inszenierte. Ich wollte wissen, was das Elisabethanische Weltbild war. Shakespeares Zeitgenossen haben sehr wohl mitbekommen, dass es einen Herrn Kopernikus gab, dass das frühere Weltbild nicht mehr zu halten war, in dem der Mensch der Mittelpunkt der Welt war. Daraus entwickelte sich speziell bei den närrischen Figuren diese Geworfenheit in die Existenz. Eine sehr moderne Weltwahrnehmung.

Welche Shakespeare-Rollen passen denn noch in Ihren Lebensplan?

Ich habe mir einmal eingebildet, dass ich ein guter Antonius wäre, aber das muss ich ja nicht unbedingt spielen. Wahrscheinlich war der mit 52 auch schon tot.

Am 22.12 (19.30 Uhr) hat das Burgtheater unter der Regie von Matthias Hartmann "Was ihr wollt" Premiere, mit Sven-Erich Bechtolf in der Rolle des Feste

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2010)

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