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Der Kardinal verkörpert die Widersprüche seiner Kirche

Christoph Schönborn beklagt, dass „seit der Nazizeit“ nicht mehr so viele Menschen aus der Kirche ausgetreten sind. Seine Botschaft ist – kalkuliert – ambivalent.

Der Erzbischof von Wien, Christoph Schönborn, ist eine vielschichtige Persönlichkeit. Hoch gebildet und fast kindlich fromm zugleich wirkt der Spross aus altem Adel, er überrascht bald durch Offenheit, bald durch die Einnahme eher exzentrischer „wissenschaftlicher“ Positionen.

In den heftigen, für die Kirche sehr schmerzhaften Debatten über den massenhaften sexuellen Missbrauch in staatlichen und kirchlichen Erziehungsinstituten hat er konservative Katholiken und den einen oder anderen Borderline-Blogger durch reflektierte Äußerungen und Bußfertigkeit verärgert. Er habe sich, sagten seine Kritiker, dem Entschuldigungsterror der politischen Korrektheit unterworfen, statt triumphierend darauf hinzuweisen, dass in den nicht kirchlichen Instituten viel mehr passiert sei als in den kirchlichen.

Aber der Kardinal blieb bei seiner Linie. „Wir haben uns in der Kirche für die Wahrheit entschieden, auch wenn sie schmerzlich ist. Wir haben vor allem versucht, auf die Opfer zu hören und nach dem Wort von Vaclav Havel den Versuch gewagt, in der Wahrheit zu leben. Dieser Versuch lohnt sich, er gibt Kraft“, sagte er bei der „Stephans-Matinee“. Und ließ in einem Interview für die „Tiroler Tageszeitung“ mit den neuesten Kirchenaustrittszahlen aufhorchen. Sie werden sich vom Rekordjahr 2009 um weitere 50% auf mindestens 80.000 erhöhen. Schönborn sprach von der schlimmsten Austrittswelle „seit der Nazizeit“.

Da ist sie wieder, die Ambivalenz des Christoph Schönborn: Einerseits spricht er im Unterschied zu früheren Zeiten, in denen man die Austrittszahlen eifersüchtig wie ein Geheimnis des Glaubens gehütet hat, offen über die katastrophale Situation. Andererseits versendet er mit seinem – an der Oberfläche rein quantitativen – Bezug zur Nazizeit ein Signal an die Gegenwartsverweigerer, die den kirchlichen Schrumpfungsprozess im Grunde begrüßen: Sie lieben das Bild von der kleinen, furchtlosen Herde, die inmitten der bösen Welt auf das Ende wartet.

Diese Anhänger einer verschworenen Gemeinschaft der Heiligen sprechen gern vom „Kinderholocaust“, wenn sie über die Fristenregelung diskutieren, sie geißeln den Totalitarismus des Marktes, sehen im zeitgenössischen Körperkult einen Wiedergänger des nationalsozialistischen und überhaupt: Das Neuheidentum der Nazis erscheine heute im glänzenden Kostüm des Konsums.

Das Signal des Kardinals an diese Gruppe lautet: Brüder und Schwestern, es ist wieder so weit. Die Welt da draußen ist dunkel und böse, viele Menschen erliegen ihren Versuchungen, sie verlassen die Kirche, wie sie es damals taten, als sie den Verlockungen des politischen Götzen erlagen. Aber wir halten durch. Die sogenannten „neuen religiösen Bewegungen“, unter denen das Neokatechumenat in der Erzdiözese die größte Bedeutung zu haben scheint, verstehen diese Botschaft.

Die Idee, dass Christen sich Prinzipien und Lebensmodellen verpflichtet fühlen, die zu allen Zeiten aus der Zeit sind, ist alt und gut: Der Anachronismus als Lebensprinzip ist eine der wichtigen Kraftquellen jeder vitalen Religion. Und die unbekümmerte, unverkrampfte Unangepasstheit, mit der nach wie vor so viele Einzelne und Familien diese Vorstellungen in gelebte Praxis umsetzen, ist einfach beeindruckend. Die Fantasie, man sei Teil einer Märtyrerkirche, die vom brutalen, durch Gier und Egoismus dominierten neuheidnischen Zeitgeist bedrängt wird wie einst die Kirche von den Nationalsozialisten, wirkt indessen etwas krude.


Der Wiener Kardinal verkörpert auf ziemlich umfassende Weise die Widersprüche der heutigen Kirche: Er ist gebildet genug, um zu wissen, dass die Gegenwart nicht einfach ignoriert werden kann; er ist nicht zynisch genug, um die Probleme und die sexuellen Verfehlungen kirchlicher Würdenträger und Angestellter einfach gegen die Verfehlungen von Familienvätern und Lehrern an staatlichen Schulen aufzurechnen; und er ist naiv genug, um den Weg der „kleinen Herde“ als einen für alle zum Ziel führenden Weg aus den Bedrängnissen einer glaubensfeindlichen Wirklichkeit zu sehen.

Man wird sehen, ob und wie sich diese Widersprüche auflösen lassen.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2010)