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Unterdrückung

"Nicht durch Schläge": Iran veröffentlicht Obduktionsbericht zu Aminis Tod

In Madrid haben Frauen aus Solidarität vor der iranischen Botschaft demonstriert.
In Madrid haben Frauen aus Solidarität vor der iranischen Botschaft demonstriert.REUTERS
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Die 22-Jährige sei an den Folgen eines chirurgischen Eingriffs im Kindesalter gestorben, hieß es vonseiten der Gerichtsmedizin zunächst. Dann war von einer Schilddrüsenerkrankung die Rede. Aminis Eltern dementieren eine Vorerkrankung.

Das staatliche Institut für Gerichtsmedizin hat im Zusammenhang mit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini Polizeigewalt ausgeschlossen. In dem am Freitag veröffentlichten Bericht zu Aminis Tod wird nach Angaben des Nachrichtenportals Misan erklärt, dass die iranische Kurdin schon seit ihrer Kindheit an einer Schilddrüsenkrankheit gelitten habe. Die Untersuchungen sollen ergeben haben, dass es wegen der Vorerkrankung nach ihrer Verhaftung zu einem Herzversagen gekommen sei. Das habe dann zu ihrem Tod geführt habe, hieß es. Polizeigewalt sei ausgeschlossen, weil bei der Leiche etwa keine Spuren von einem Schlag auf dem Kopf gefunden wurden.

Zuvor hatte der Iran laut Staatsfernsehen bereits hat eine offizielle medizinische Erklärung für den Tod der jungen Kurdin veröffentlicht. Die 22-Jährige sei "nicht durch Schläge" gestorben, sondern an den Folgen eines chirurgischen Eingriffs, der bei ihr im Alter von acht Jahren wegen eines Gehirntumors vorgenommen worden sei, erklärte die rechtsmedizinische Organisation des Iran (IMO) am Freitag.

Eltern dementieren Vorerkrankungen

Demnach basiert der Untersuchungsbericht auf pathologischen Untersuchungen, der Autopsie von Aminis Leiche sowie CT-Aufnahmen von Lunge und Gehirn. Aminis Vater hatte dagegen betont, seine Tochter sei bis zu ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei "bei bester Gesundheit" gewesen. Die Eltern der jungen Frau hatten in den letzten Wochen mehrmals eine Vorerkrankung bei ihrer Tochter dementiert. Sie sei bis zu ihrer Verhaftung durch die Sittenpolizei völlig gesund gewesen und alle gegenteiligen Behauptungen seien gelogen, erklärte die Familie. Die iranische Justiz wirft der Familie Amini wiederum vor, die Gesetze im Land zu missachten und mit dem Fall ihrer Tochter politische Stimmung gegen das iranische System machen zu wollen.

Die junge Kurdin war am 16. September gestorben, nachdem sie drei Tage zuvor in Teheran von der Sittenpolizei wegen des Vorwurfs festgenommen wurde, ihr Kopftuch nicht den Vorschriften entsprechend getragen zu haben. Nach Angaben von Aktivisten erlitt sie in Polizeigewahrsam eine Kopfverletzung.

90 Menschen bei Demonstrationen getötet

Aminis Tod löste eine Welle des Protests gegen die Unterdrückung von Frauen im Iran aus. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden beim gewaltsamen Vorgehen der Behörden gegen die Demonstranten seither rund 90 Menschen getötet.

Die iranischen Behörden wiesen inzwischen Vorwürfe zurück, Sicherheitskräfte hätten bei der Niederschlagung der Proteste nach Aminis Tod eine Jugendliche getötet. Vielmehr habe die 16-jährige Sarina Esmailsadeh Suizid begangen, hieß es auf der Justiz-Website Misan Online.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte Ende September berichtet, die 16-Jährige sei gestorben, nachdem Sicherheitskräfte ihr Tage zuvor bei einer Demonstration in der Stadt Karadsch heftige Stockschläge gegen den Kopf versetzt hätten.

Weitere Todesfälle von Frauen

Die Justiz-Website zitierte dagegen einen Staatsanwalt mit den Worten, laut "ersten Ermittlungen" sei die Jugendliche "von einem Gebäude nahe dem Haus ihrer Großmutter gesprungen". In dem Stadtteil habe es zum fraglichen Zeitpunkt keinerlei Proteste gegeben. Allerdings hatte die Nachrichtenagentur Tasnim seinerzeit über die Festnahme angeblicher "Krawall-Anführer" in dem Gebiet berichtet.

Erst am Mittwoch hatte die iranische Justiz Berichte über den Tod einer weiteren 16-Jährigen am Rande der Proteste zurückgewiesen. Das Mädchen verschwand bei Demonstrationen in Teheran am 20. September. Seine Mutter machte in einem Video die Behörden für den Tod ihrer Tochter verantwortlich.

Iranische Streitkräfte „bereit zu kämpfen"

Am Freitagabend erklärten sich die iranischen Streitkräfte bereit, die anhaltenden systemkritischen Proteste im Land zu bekämpfen. Das kündigten die Kommandeure der Armee, der Revolutionsgarden und der Polizei in einem gemeinsamen Schreiben an Irans obersten geistlichen Führer, Ajatollah Ali Chamenei, an, wie die Nachrichtenagentur Isna berichtete. "Wir werden die teuflischen Pläne der Feinde der islamischen Republik zunichtemachen", hieß es demnach in dem Schreiben der Kommandeure.

Nach Angaben des Nachrichtenportals Entekhab bleibt die Scharif-Universität in Teheran bis auf weiteres geschlossen. Online-Unterricht ist durch die von der Regierung verhängten Internetsperren aber technisch kaum möglich, da das Internet vom Regime stark eingeschränkt wurde.

(APA)