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Album

Allein am Bach mit Bach

Bernie Mallinger, Geiger des Radio String Quartet, im Wiener Café Phil.
Bernie Mallinger, Geiger des Radio String Quartet, im Wiener Café Phil.Caio Kauffmann
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Bernie Mallinger hat sich mit seinem Radio String Quartet das Wasser vorgenommen – und das „schwierige Grundnahrungsmittel“ der Bach-Sonaten.

Lang hat Bernie Mallinger in Graz gelebt, danach auch lang in Wien, um die Ecke vom Phil in der Gumpendorferstraße, oder auch am Kardinal-Nagl-Platz. Doch seit er Kinder hat, lebt er wieder in Kärnten, in einem 350 Jahre alten Bauernhaus der Schwiegerfamilie in Himmelberg.

Dort, hinter dem Haus, gibt es einen Bach, „der klarerweise immer da ist, und wenn ich mein Studiofenster aufmache, höre ich ihn“. Dieser Bach, der unterbewusst immer da war, habe sich irgendwann mit dem Werk Johann Sebastian Bachs verwoben. „Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, den Bach bis zur Quelle zurückzugehen, hinzugehen zum Ursprung im Berg. Ich stelle mir eine Höhle vor, wo es feucht ist und runtertropft. So fängt das Album auch an.“

„Like Waters“ heißt das Werk und ist das zweite in jenem Elemente-Zyklus, den das Radio String Quartet 2002 mit „Erd“ mit Roland Neuwirth begonnen hat. Dass dabei nicht Wienerlied, sondern Bach den Ton vorgibt, habe mit Corona zu tun, erzählt Mallinger. Als im Lockdown vor einem Jahr alles gestanden sei, habe er begonnen, sich „wieder einmal mit dieser Sonate auseinanderzusetzen“.

Bach-Sonaten, sagt er, sind für jeden Geiger, der sich einmal mit Klassik oder Barock beschäftigt hat, „ein Grundnahrungsmittel. Etwas, zu dem man ab dem Studium immer wieder zurückkehrt. Wenn es passt, geht man sie wieder durch, entdeckt neue Sachen. Aber zu spielen sind sie wahnsinnig schwer. Bis man überhaupt erst einmal zur Musik durchdringt, ist es eine technische Tour de force.“

Schwer zu spielen

Besonders, als er die Sonate am Klavier gespielt habe, sei ihm der Unterschied aufgefallen. „Ich habe mir gedacht, was ist das für eine Musik, bei der ich immer noch kämpfe? Auch bei den tollsten Geigern klingt sie schwierig.“ Das habe auch mit den vielen nötigen Doppelgriffen zu tun, weil man heute anders gebaute Instrumente verwendet. „Früher war das einfacher zu spielen.“

So, erzählt Mallinger, sei die Idee entstanden: „Ich wollte hören, wie die Musik klingt, wenn man sich nicht die ganze Zeit mit der Technik beschäftigt.“ Dazu habe er Bach „in ein neues Gewand gehüllt“, quasi in die musikalische Sprache seines Radio String Quartet übersetzt. Jede Note, die Bach geschrieben hat, sei dabei noch da – nur eben nicht in einer Sologeigenwelt, sondern der eines – ungewöhnlichen – Streichquartetts.

Wie lang es das Radio String Quartet schon gibt, hängt davon ab, wann man zu zählen beginnt. „Wir selbst nehmen 2006 als Anfangspunkt“, sagt Mallinger, als man die eigenen Bearbeitungen der Musik des Mahavishnu Orchestra auf dem Berliner Jazz Fest präsentierte. „Da ist es dann ziemlich losgegangen.“ Der Name des Quartetts geht auf dessen frühere Cellistin zurück. Unzählige Namen hatte man schon verworfen, als man auf einer italienischen Autobahn an einem Schild mit einer Radiofrequenz vorüberfuhr. Konkret mit Radio-Aufträgen hat es also nichts zu tun. „Aber es klingt gut – so, als hätte man es schon mal wo gehört.“ Wobei: Nicht erst einmal sei man auf Festivals als Radio-Symphonieorchester angekündigt worden. Denn ja, die Gruppe spielt in klassischen Konzerthäusern genauso wie auf Festivals, pendelt zwischen Klassik, Alternative und Jazz.

„Egal wo, wir sind immer die, die anders sind“, meint Mallinger. Jedes Mitglied des Ensembles hat Klassik studiert, „aber in unserer Biografie gibt es eben nicht nur klassische Musik. Jazz, Rock, Pop – es gibt so viel mehr, das man machen kann. Wir waren immer neugierig und haben einfach immer geschrieben und arrangiert.“ Das Prinzip, sagt Mallinger, sei Trial and Error gewesen: „Viele Sachen, die wir probiert haben, sind niemals gehört worden, weil es nicht funktioniert.“

Die Sache mit Bach – am Ende mit großem Aufwand im 3-D-Mix im Weizer Kulturhaus aufgenommen – ging jedenfalls auf, wenn auch auf Kosten von Mallingers Schlaf. „Oft habe ich bis drei, vier in der Früh gearbeitet, und um halb sieben haben die Kinder zu Recht verlangt, dass ich für sie da bin. Das hat sich auf die Substanz geschlagen, aber ich war in so einem Tunnel, dass es erst ganz am Schluss ein bissl eng geworden ist mit der Energie.“

AUF EINEN BLICK

Das Radio String Quartet (Bernie Mallinger, Igmar Jenner, Cynthia Liao und Sophie Abraham) hat Einflüsse aus Klassik, Pop, Jazz, Rock und Elektronik zu einem eigenen Kosmos geformt. Die „Quadrologie“ umfasst die Elemente, die vier Alben ergeben auch optisch ein Bild. „Like Waters“ zu Bachs g-moll-Violinsonate wird am Montag, 10. 10., im Radiokulturhaus präsentiert. Am Samstag spielt man mit Roland Neuwirth. Weitere Termine: www.radiostringquartet.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2022)