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Redebedarf

Gesichtsanalphabeten

100 Rätsel der Kommunikation, Folge 14. Früher war das Lächeln noch der Joker der menschlichen Begegnung, der soziale Entschärfungsdienst. Heute übernimmt das ein kleines gelbes Gesicht.

­Der Alltag ist voller Reibungspunkte. Zeitlich und örtlich. Da gerät die Stimmung des einen an die andere. Der Morgenmensch an den Morgenmuffel. Der Rücksichtslose an die Zuvorkommende. Die Pünktliche auf jene, die es nicht gar so eng sehen alles. Und dann wären da noch: Menschen geraten überhaupt an Menschen. Allein das hat schon Konfliktpotential. Aber die Evolution hat beim Menschen vorsorglich einen sozialen Entschärfungsdienst mit eingebaut. Das Lächeln. Früher war die einzige Möglichkeit zu lächeln jene, mit den Gesichtsmuskeln die Mundwinkel hinaufzuziehen. Heute kann man lächeln, indem man ein lächelndes Gesicht digital verschickt.

Früher ist man auch noch im öffentliche Raum nur so aneinander vorbeigeflutscht. Man staunte über die Massen-Choreografien, die keiner choreografiert hatte, an der Grand Central Station in New York und ganz anderen Verkehrsknotenpunkten, wo Menschen zu Tausenden in der Rush-Hour aneinander vorbeigleiten wie Luftströme am Flugzeugflügel. Bei der Begegnung zweier Menschen helfen immer auch zwei Dinge: wahrnehmen. Den anderen, der auch gerade da ist, vor allem. Und noch dazu: lächeln. Aber beide Funktionen hat der Mensch inzwischen ausgeschaltet, weil ein anderes Gerät auf „on“ ist, das Smartphone. Und so ist nebenbei noch etwas passiert: Man lächelt nicht nur weniger. Man weiß auch beim anderen nicht mehr so recht, ob das noch Lächeln ist, was sich da im Gesicht abzeichnet. Emojis können viele schon verlässlicher lesen als wirkliche Gesichter.

Mission: anlächeln

Letztens wollte ich mal etwas Arges ausprobieren. Jemanden wohlwollend anlächeln. Im Flugzeug. Ok, vielleicht war auch ein klein wenig Süffisanz dabei. Oder sagen wir: Spott. Weil sich dieser Typ doch allzu sehr gequält hat, seinen Handgepäckstrolley im Gepäckfach unterzubringen. Aber ich hab's wirklich nur gut gemeint, wollte ihm mit dem Lächeln so vieles gleichzeitig sagen: „Ich kenn das, ich stell' mich manchmal auch blöd an“. Oder das: „Ja, ich versteh auch, dass man es selbst mal ausprobieren will, ob's passt, obwohl die Fluggesellschaften einem 100 Mal schon gesagt haben, was passt und was nicht“. Ich wollte den Mann vom Stress befreien, vom Ärger. Wie der Kellner, der eine Pflaumenschnaps auf Haus bringt, weil er die Bestellung zuvor vergessen hat. Ich also so: lächel. Er so: „What the fuck are you laughing at?“.

Lächeln und Lachen, das wird man ja wohl noch richtig auseinander deuten können. Aber wenn man mehr Emoji-Gesichter anschaut am Tag als richtige, vielleicht dann doch nicht. Emojis sind ja schon viel eindeutiger. Ah ok, dieser lacht. Der macht sich lustig. Dieser kotzt. Der läuft rot an. Der verdreht die Augen. Der ist verliebt. Klare Ansagen in Zeichensprache. Da weiß man, woran man ist. Das menschliche Gesicht dagegen: Zu viele Nuancen. Lächeln oder schon Grinsen? Und wenn grinsen, dann hämisch? Was sagen die Augen? Was meint die Augenbraue dazu? Sind das hängende Mundwinkel, weil das Gesichtsgewebe die Kraft verlässt? Stichwort: alt. Oder ist der wirklich schlecht drauf? Ich persönliche überzieh die Mundwinkel gerne kraftvoll nach oben, damit sie den Nullpunkt, also die Gerade, wirklich übersteigen. Denn mir ist eines aufgefallen: Wenn ich beim Lächeln die Hochzieh-Muskeln schon deutlich rund um die Ohren spüre, schaut es nach draußen oft noch immer nicht wie ein Lächeln aus. Deshalb: extra nachlegen. Und dann passiert natürlich mit dem Lächeln das, was mit Gesichtshaut im Alter und mit der Mimik generell so passiert: Es gerät aus der Fassung. Und wenn man nicht mehr weiß, wie das eigene Gesicht auf andere wirkt, dann schick ich doch gleich lieber die streng definierten gelben Gesichtsausdrücke, vulgo Emojis, digital hinüber. Zu all jenen, die ich anlächeln möchte.