Betriebsräten wurde der Ausstieg angeblich mit 85.000 Euro versüßt. Wer sich widersetzt hat, wurde mitunter an schlechter bezahlte Stellen versetzt, so der Vorwurf der Gewerkschaft Verdi.
Wien/Cim. Betriebsräte können lästig sein. Angenehmer wäre es vielen Arbeitgebern wohl, es gebe sie nicht oder sie wären stets auf Firmenlinie. Der Möbelhändler XXXLutz hat sich das Schweigen oder Verschwinden lästiger Arbeitnehmervertreter in Deutschland angeblich einiges kosten lassen.
60.000 Euro sollen vor drei Jahren zum Beispiel einem früheren Hiendl-Mitarbeiter in einer Führungsposition, der nach der Übernahme durch XXXLutz Betriebsrat wurde, angeboten worden sein, damit er die Firma sofort verlässt, das berichtet der „Spiegel“.
Berichten zufolge kein Einzelfall. 2008 und 2009 soll XXXLutz in Deutschland nach der Übernahme von Hiendl auch in Passau oder Regensburg Betriebsräten den Ausstieg abgekauft haben – mit „meist über hunderttausend Euro“, heißt es. Keine Kleinigkeit, bedenkt man, dass Vollzeitverkäufer etwa 1200 Euro netto verdienen. Einige Mitarbeiter hätten die Angebote angenommen.
Wer sich widersetzt hat, wurde mitunter an schlechter bezahlte Stellen versetzt, so der Vorwurf der Gewerkschaft Ver.di. So konnte XXXLutz ganze Betriebsräte verhindern oder durch arbeitgeber-freundliche Listen ersetzen. Ver.di beschreibt das System so: Zunächst werde mithilfe der Filialleitung eine Kandidatenliste für den Betriebsrat aufgestellt, die Lutz wohlgesonnen ist. Dann versuche man, kritische Betriebsräte loszuwerden. Am Ende gebe es an dem Standort keinen oder einen arbeitgeberfreundlichen Betriebsrat.
Solche Vorwürfe gegen XXXLutz sind in Deutschland nicht neu. Mitunter wurde der zweitgrößte Möbelhändler Europas (mit Stammsitz Wels) schon in einem Atemzug mit Skandalbetrieben wie Lidl oder Schlecker genannt. Mobbing, Schikanen, 14-Stunden-Schichten für Lehrlinge, massiver Erfolgsdruck auf die Mitarbeiter, Kündigungen mit fadenscheinigen Begründungen – damit hat Lutz in Deutschland in den vergangenen Jahren Schlagzeilen gemacht.
Weiße Weste in Österreich
In Deutschland, dort ist Lutz seit etwa 20 Jahren aktiv, ist der Möbelhändler in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Zu schnell, zu aggressiv – lautete oft ein Vorwurf. Vor allem in Süddeutschland hat Lutz in den vergangenen Jahren viele Familienbetriebe geschluckt. Der Konkurrenzdruck ist dort enorm.
Zu den aktuellen Vorwürfen war am Montag niemand zu sprechen. Das knappe offizielle Statement: Die Vorwürfe der Gewerkschaft seien „größtenteils haltlos“.
Betriebsräte gibt es auch in Österreich nicht. Die Gewerkschaft und Arbeiterkammer kennen Lutz allerdings nicht als auffälligen Arbeitgeber – die Zahl der Beschwerden sei im branchenüblichen Rahmen. Zu den Vorwürfen in Deutschland will sich in Wels niemand äußern, die Gesellschaften seien mittlerweile komplett voneinander getrennt, sagt Lutz-Sprecher Thomas Saliger.
Auf einen Blick
Große Summen soll sich der Möbelriese XXXLutz das Schweigen lästiger Betriebsräte in Deutschland habe kosten lassen – mitunter sechsstellige Abfindungen wurden laut Gewerkschaft an Mitarbeiter, die sich organisieren wollten, gezahlt. In Österreich gilt der Möbelriese indessen als „unauffälliger“ Arbeitgeber.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2010)