„Jauchzet, frohlocket“: Bachs sechs weihnachtliche Kantaten

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Erwin Ortner dirigiert ab morgen das „Weihnachtsoratorium“ für alle, die „endlich zur Ruhe kommen möchten“. Werke gehören im Advent, also verfrüht, zu den lieb gewordenen Gepflogenheiten.

Das Weihnachtsoratorium – sechs Kantaten hat Johann Sebastian Bach für die Feste zwischen 25. Dezember und dem Dreikönigstag komponiert. Auf die Idee, dass man alle Werke an einem Abend aufführen könnte, wäre er nie gekommen. Die Vorstellung, es handle sich bei diesem Zyklus um eine für eine durchgehende Präsentation bestimmte Einheit, stammt aus romantischer Zeit.

Dennoch gehören Wiedergaben der Werke im Advent (liturgisch gesehen also jedenfalls verfrüht) zu den lieb gewordenen Gepflogenheiten des bürgerlichen Musikbetriebs. Erwin Ortner leitet morgen, Mittwoch, Aufführungen der ersten drei Weihnachtskantaten im Wiener Musikverein. Die restlichen drei folgen 2011. „Es wäre schön, wenn wir daraus eine Tradition machen könnten“, meint Ortner, der durchaus nicht nur künstlerische Absichten verfolgt: „Wir hoffen, dass am 22.Dezember viele schon alle Besorgungen gemacht haben und endlich zur Ruhe kommen möchten. Es sollte Stille einkehren.“ Und die nötige Ruhe, sich einem akustischen Erlebnis zu widmen. Dazu bietet das „Weihnachtsoratorium“, das keines ist, die beste Gelegenheit.

Bach hat das Stück – wie übrigens auch seine h-Moll-Messe, aus bestehenden Werken kompiliert, die zu ganz anderen Gelegenheiten entstanden sind. Manche Nummern stammen sogar aus weltlichen Kantaten und sind im sogenannten Parodieverfahren an den geistlichen Text angepasst worden.

Mit (weltlichen) Pauken und Trompeten

Gleich der Eingangschor der ersten Kantate, das berühmte „Jauchzet, frohlocket“, entstammt einer Huldigungskantate auf einen weltlichen Fürsten. Der ursprüngliche Text lautete „Tönet, ihr Pauken, erschallet Trompeten“. Deshalb der für die damalige Zeit völlig ungewöhnliche Paukeneinsatz am Beginn des Werks steht, dessen Tonfolge der Chor zu den Eingangsworten übernimmt. Niemals hätte Bach „Jauchzen und frohlocken“ mit einer solch kargen, noch dazu absteigenden Tonfolge komponiert. Offenbar musste es schnell gehen mit der ersten Weihnachtskantate. So blieben die Paukenschläge und Trompetenfanfaren stehen, wie sie waren – festlich genug, dem Stück den rechten Charakter zu verleihen.

Einleitung: Kantate von Buxtehude

Abgesehen vom beabsichtigten erbaulichen Effekt verfolgt Erwin Ortner natürlich auch künstlerische Ziele: „Wir leiten den Abend mit einer Kantate von Dietrich Buxtehude ein, dessen Namen die meisten Musikfreunde wahrscheinlich nur vom Hörensagen kennen. Ich wünsche mir, dass viele Menschen nach diesem Abend sagen: ,Diese Musik würden wir gern öfter hören.‘“

Damit sorgt Ortner dafür, dass sich das Wiener Chorrepertoire ein wenig in die kaum bekannten Gefilde des deutschen Hochbarocks ausweitet. Trotz der Besinnung auf originale Aufführungspraktiken machen die Spielpläne um Musik jenseits von Bach und Händel ja nach wie vor einen großen Bogen. „Vor allem freue ich mich auch, die Lautten Compagney, ein exzellentes Ensemble aus Berlin, nach Wien bringen zu können. Die haben heuer einen Echo-Preis gewonnen, wie wir mit unserem Arnold Schönberg Chor. Und sie sind wirklich wunderbare Musiker.“

Auch das Solistenquartett ist erlesen, „und es hat“, sagt Ortner, „wenn auch angeführt von Christine Schäfer, einen starken Österreich-Bezug“. Alle Vokalisten dieses Abends sind eine eingeschworene Gemeinde. „Michaela Selinger und Florian Boesch sind dabei. Und der Tenor Rainer Trost, mit dem ich ja unter anderem auch Franz Schmidts ,Buch mit sieben Siegeln‘ aufgeführt habe.“ Also ein Treffen der heimischen Oratorien-Gipfelstürmer. „Sämtliche Mitglieder des Schönberg Chors, die diesmal dabei sind, haben das Weihnachtsoratorium mit mir im Vorjahr schon einstudiert. Die erste Probe war wirklich wie ein Familientreffen.“ Die Tradition hat schon begonnen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2010)

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