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Interview

Putins Ex-Berater Illarionow: "Es gibt eine drohende Katastrophe, über die Putin nicht reden will"

Putins ehemaliger Wirtschaftsberater Andrej Illarionov.
Putins ehemaliger Wirtschaftsberater Andrej Illarionov.
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Er war Oberster Wirtschaftsberater im Kreml und hat große Reformen verantwortet. Im Interview erklärt Andrej Illarionow, warum Europa den wahren Grund für Putins Panik nicht sieht, von wem der Kremlchef heute am meisten beeinflusst ist – und warum er trotz allem nicht gestürzt werden wird.

Die Presse: Immer wieder ist die Welt bezüglich Russland uneins und unsicher – etwa bei der Wirkung der Sanktionen, oder bei der Einschätzung Putins. Beginnen wir bei ihm. Sie haben als sein Oberster Wirtschaftsberater mit ihm gearbeitet. Hat sich seine Persönlichkeit seither verändert?

Andrej Illarionow: Ja und nein. Die Hauptcharakterzüge blieben gleich. Er kalkuliert und handelt rational und zielstrebig. Plant jede Aktion sehr genau. Denkt alle möglichen Lösungsvarianten durch. Und er ist detailverliebt und holt sich dazu Rat bei den Experten.

Beim Ukraine-Krieg hat er sich aber doch verrechnet, wie auch Joe Biden es formuliert.

Auch hier ja und nein. Viele beurteilen Putin ausgehend von ihrer zivilisierten, demokratischen Gesellschaft. Aber er hat andere Kriterien. Seines Erachtens ist er noch am Siegen. Gewiss, die Kontrolle über die ganze Ukraine hat er nicht erlangt, auch über die Hälfte nicht. Die Ukraine vom Schwarzmeer abzuschneiden, hält er immerhin noch für möglich. Was er aber schon erzielt hat, ist die Annexion von vier ukrainischen Gebieten. Auch wenn inzwischen von bis zu 90.000 Gefallenen die Rede ist, so kann er zynisch berechnend sagen, das sind Bauernopfer, für die er ein Gebiet mit sechs bis sieben Millionen Menschen gewonnen hat. Seit dem Jahr 2000 redet er ja davon, das demografische Problem Russlands lösen zu wollen.

Kommen wir zur Wirtschaft: Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet nun nur noch ein Minus von 3,4 Prozent für das russische BIP 2022 statt wie bisher sechs Prozent. Und für 2023 minus 2,3 statt 3,5 Prozent. Worin haben wir uns in der negativen Bewertung bisher geirrt? Schauen wir auf die falschen Kennzahlen?

Gut, dass Sie diese Frage stellen. Denn man sagt ja gern, Putin hat sich geirrt, die eigenen Fehler will aber niemand eingestehen. Die größte Fehleinschätzung der meisten war, die Integration Russlands in die Weltwirtschaft zu überschätzen. Die Integration ist einseitig auf Öl- und Gaslieferungen konzentriert. Und da hat Russland aufgrund der hohen Preise seit Kriegsbeginn mindestens gleich viel verdient wie davor. Hier läuft also alles weitgehend wie gehabt. Aber es gibt eine drohende Katastrophe, die Putin kennt und über die er nicht reden will, weil sie gefährlich für ihn ist. Und die auch im Westen kaum wer sieht oder kennt.

Und die wäre?