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Junge Forschung

Sie kann es im Schlaf erforschen

Ambra Stefani untersucht an der Med-Uni Innsbruck (Bild) und in Boston die Hintergründe der REM-Schlaf-Verhaltensstörung.
Ambra Stefani untersucht an der Med-Uni Innsbruck (Bild) und in Boston die Hintergründe der REM-Schlaf-Verhaltensstörung.Thomas Böhm Photographie Imst
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Die Medizinerin Ambra Stefani hat einen Nasentest mitentwickelt, der frühzeitig Hinweise auf Parkinson gibt. Die Schlafforscherin blickt dabei tief in die Geheimnisse der REM-Phase.

Warum träume ich? Wie kann ich durchschlafen? Solche Small-Talk-Fragen hört Ambra Stefani, sobald sie erzählt, dass sie Schlafforscherin ist. „Die meisten denken, dass wir schon alles über Schlaf und Träume wissen. Aber diese komplizierten Funktionen des Gehirns sind noch lang nicht fertig erforscht“, sagt Stefani, die an der Med-Uni Innsbruck ihr Doktorat abgeschlossen hat. „Ich finde es immer spannend, mit Leuten über ihre Erfahrungen von Schlaf zu reden: So bekommt man eine neue Perspektive auf wissenschaftliche Fragen.“

Das Medizinstudium hat die Italienerin in ihrer Heimatstadt, Verona, gemacht. Nach Innsbruck zog sie die Neugierde am Fach Neurologie. „Dass ich bei der Schlafforschung gelandet bin, war ein Zufall: Es wurde eine PhD-Stelle frei, die ich bekommen habe. Birgit Högl, die Leiterin des Schlaflabors an der Uni-Klinik für Neurologie in Innsbruck, wurde eine wichtige Mentorin für mich“, sagt Stefani. Aktuell lebt sie in Boston, USA: Die Stelle am Massachusetts General Hospital kam durch ein Max-Kade-Stipendium der ÖAW zustande.

Da sind Klinik und Technik so nah

„Boston ist genau so, wie alle sagen: eine eher europäische Stadt, verglichen mit anderen amerikanischen Großstädten. Das Kulturangebot ist toll, und ich versuche, viel von der Stadt mitzubekommen.“ Am liebsten erkundet Stefani die Gegend beim Laufen. „In Innsbruck bin ich am Inn gelaufen. Auch hier geht meine Strecke meist am Ufer entlang. Ich vermisse zwar die Berge aus Tirol, aber für meine Wochenenden finde ich schöne Wanderwege rund um Boston.“

Vor allem wissenschaftlich hat Boston einiges zu bieten: Stefani genießt zum Beispiel die enge Zusammenarbeit von Klinik und Technik. „Wir haben die hohe Expertise in der Neurophysiologie und gute Kooperationen mit Firmen, die es gewohnt sind, mit Wissenschaftlern zu arbeiten: So können manche Geräte für unsere Forschung individuell angepasst werden.“

Der Fokus in Stefanis Arbeit liegt bei der Früherkennung einer Schlafverhaltensstörung, die oft eine Frühphase von neurodegenerativen Erkrankungen sein kann. REM-Schlaf-Verhaltensstörung heißt diese Auffälligkeit, die ähnlich wie Schlafwandeln ist – doch ganz anders. „Schlafwandeln passiert nie im REM-Schlaf, also in der Phase, in der wir träumen und wie gelähmt sind“, erklärt Stefani. Nur unsere Augen bewegen sich schnell: REM heißt Rapid Eye Movement.

Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung tritt ausschließlich in dieser Phase auf, die mit Träumen assoziiert ist. „Bestimmte Zentren im Hirnstamm koordinieren die Muskelaktivität während des Schlafs. Ist diese Kontrolle gestört, ist der Patient nicht wie gelähmt, sondern bewegt sich passend zum Trauminhalt“, sagt Stefani. Treten, schlagen, schreien sind typische Zeichen, die nicht nur für die Betroffenen, sondern auch ihre Bettpartner gefährlich werden können. Bereits in Innsbruck untersuchte Stefani diese Schlafanomalie mit erhöhter Muskelaktivität in der REM-Phase: „Diese Störung ist meist ein Frühzeichen von Parkinson und anderen neurodegenerativen Erkrankungen.“

Als Ursache werden gewisse Ablagerungen an Nervenzellen vermutet, die bisher nur durch invasive Eingriffe nachgewiesen werden können. „Wir wollten eine nicht invasive Methode, um zu sehen, was im Gehirn passiert. So haben wir einen Nasenabstrich entwickelt, der kein schwerwiegender Eingriff ist“, sagt Stefani.

Mithilfe von HNO-Spezialisten kann ein Stäbchen, wie wir es von den Coronatests kennen, noch höher in die Nasenhöhle hinaufgefahren werden – bis zu den Nervenzellen. An diesen Nervenzellen sieht man im Labor, ob die Proteinablagerungen vorhanden sind. „Das ist ein erster Schnelltest, um Parkinson und andere Erkrankungen so früh wie möglich zu erkennen.“

In Boston will Stefani tiefer ins Gehirn blicken – wieder, ohne es zu öffnen. Hier stehen hochauflösende Magnetresonanztomografen, die genauer denn je zeigen, was im Gehirn der Patienten mit REM-Schlaf-Verhaltensstörung passiert. „Die Methode ist so neu, dass ich darüber gar nichts verraten darf“, so Stefani.

ZUR PERSON

Ambra Stefani wurde 1985 in Verona, Italien, geboren und studierte dort an der Universität Medizin. Für das Doktorat ist sie an die Med-Uni Innsbruck gekommen, an der sie bei Birgit Högl im Schlaflabor der Uni-Klinik für Neurologie forscht. Sie fokussiert Schlafstörungen, die u.a. als Vorzeichen von Neurodegeneration gelten. Derzeit arbeitet sie für ein Jahr am Massachusetts General Hospital in Boston.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2022)