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Ansicht vom Garten aus: Die flexibel gestaltbaren, vorgefertigten Module werden am Terminal angeschlossen.
Hausgeschichte

Der gestapelte Campingplatz

Wie Architekt Gernot Ritter mit dem Objekt Kiubo in Graz die Idee des Modulbaus verwirklichte. Und warum das Haus ein Modell der Wohn-Zukunft sein könnte.

Im Prinzip geistert diese Idee seit über 100 Jahren durch die Architekturgeschichte, angefangen mit Le Corbusier, ohne realisiert worden zu sein – eine großartige Geschichte des Scheiterns“, sagt Architekt Gernot Ritter, der sich schon während des Studiums mit dem Thema Modulbau beschäftigte. In der Grazer Starhemberggasse wurde es nun verwirklicht, möglich geworden durch die Zusammenarbeit von Ritter mit dem Geschäftsführer der ÖWG, Hans Schaffer. Die ehemaligen Studienkollegen hatten sich vor einigen Jahren wieder getroffen und beschlossen, ihre ursprüngliche Idee zu verfeinern – und zu verwirklichen.

Terminal für die Infrastruktur

Dazu gehört ein Stahlbetonunterbau, „wir nennen es Terminal“, in dem die notwendige Basisinfrastruktur, wie Wasser- und Energieversorgung, bereits installiert ist und auf den die Module gesetzt und bei Bedarf ineinandergesteckt werden können. Jedes Modul wiegt rund zwölf Tonnen, wird mittels eines Schlittens in die vorgesehene Aussparung des Terminals geschoben. Immer an der gleichen Stelle befinden sich drei Auslässe, „und jedes Modul verfügt über eine Deckenheizung bzw. -kühlung“, präzisiert Ritter.

Das Basismodul – aus Holz vorgefertigt – ist 25 m2 groß und 2,80 m hoch. Es verfügt über eine abgeschlossene, autarke Wohneinheit, die mit einem Bad, einer Küche sowie einem Schlaf- und Aufenthaltsbereich ausgestattet ist.

Andocken und einrichten

Die weiteren Module sind gleich groß, haben alle notwendigen Anschlüsse, sind aber nicht eingerichtet. So bleibt es dem Bewohner überlassen, zu entscheiden, wie groß seine Wohnung sein soll. „Das Aufstellen und Andocken eines neuen Moduls dauert rund zwei bis drei Stunden, jede Wohnung kann mit maximal drei Anschlussmodulen auf bis zu 100 m2vergrößert werden.“

Detailansicht mit Grünfläche.
Detailansicht mit Grünfläche.ÖWG

Durch die unterschiedliche Anzahl von Modulen kann sich der Wohnraum permanent verändern. „Die Schönheit des Projekts liegt in seiner Flexibilität“, sagt Ritter. Wie überhaupt Flexibilität ein ganz besonderes Anliegen des Architekten ist: „Unsere Gesellschaft wird immer individueller, flexibler und mobiler. Die Organisation des Zusammenlebens zunehmend komplexer. Darauf sollte auch die Architektur eine Antwort haben, denn die Lösung kann nicht sein, immer kleinere Wohnungen zu bauen.“

Das Kiubo dagegen präsentiert sich nun so: Auf vier Stockwerken befinden sich 19 Wohneinheiten, gebildet aus 33 Holzmodulen, dazu kommen Gemeinschaftsflächen und -räume, begrünte Außenbereiche und eine Tiefgarage im Erdgeschoß.

Von der Immobile zur Mobilie

Auch könne durch diese Art des Wohnens eine Community entstehen, ein Miteinander von Menschen, die in einem solchen Gebäude leben. „Wir halten einen Paradigmenwechsel, vor allem in städtebaulicher Hinsicht, für wichtig – weg von der Idee der Immobilien hin zu Mobilien.“ Abgesehen davon führen der hohe Grad an Vorfertigung und die serielle Produktion zu kurzen Bauzeiten und geringeren Baukosten.

„Natürlich haben wir auch Visionen. Eine davon ist, auch das Terminal aus Holz zu fertigen, eine andere ist, die Module von verschiedenen Architekten gestalten zu lassen, was dem Gebäude eine noch größere Lebendigkeit verleihen würde“, schaut Ritter in eine mögliche Zukunft. „Und wirklich zum Tragen kommen diese Idee und das System, wenn es österreich- oder europaweit eine Menge dieser Terminals gibt.“ Nachfolgeprojekte sind jedenfalls geplant: zwei in Graz, zwei in Wien.

ZUM OBJEKT, ZUM ORT

Ressourcenschonend in Fertigung und Aufbau, flexibel gestaltbar, sozial nachhaltig: Das Modell beinhaltet so ziemlich alle Kriterien, die zeitgemäßes Wohnen berücksichtigen sollte. Insgesamt fasst das Kiubo auf vier Stockwerken 19 Wohneinheiten aus 33 Holzmodulen.

Neubauwohnungen in Graz kosten in guter Lage durchschnittlich 4900 Euro/m2 (Quelle: WKO). Das Gebäude gehört beim Award Fiabci Prix d'Excellence Austria 2022 zu einem der Finalisten in der Kategorie Wohnbau.

Fotos: www.diepresse.com/immobilien

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