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„Tehran covered in blood“. Brunnen mit gefärbtem Wasser vor dem iranischen Künstlerforum, Honarmandan Park, Teheran.
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Iran

Frauen zeigen Khamenei den Mittelfinger

Eine junge Bewegung für Demokratie und Selbstbestimmung erschüttert gerade das islamische Regime im Iran. Die Protestierenden sind großteils weiblich, sie sind unerschrocken – und sie scheinen keine Vorbilder mehr zu brauchen. Über eine Zäsur.

Seid stark und entschlossen, Schwestern, es ist Zeit, / die Unterlegenheit der iranischen Frauen ist eine der Unwissenheit / Mann oder Frau, ihre Überlegenheit und Rang liegt im Wissen / (. . .) Wüsste doch jedes Mädchen um den Wert des Lernens“, schrieb 1924 die iranische Dichterin Parvin E'tesami in ihrem Gedicht „Wunschgras“. E'tesami war nicht nur eine begnadete Poetin, sie war auch Frauenrechtsaktivistin, Fürsprecherin in der Konstitutionellen Revolution des Iran (1905–1911).

„Wir verdanken alles Parvin E'tesami“, sagte die Schriftstellerin Fariba Vafi 2018 bei den Litprom Literaturtagen in Frankfurt. Sie stellt eine Tradition weiblichen Schreibens her, die sich im heutigen deutschsprachigen Literaturdiskurs irgendwo zwischen „identitätspolitisch“ und „engagiert“ wiederfände. Iranischen Autor:innen würden solche Zuschreibungen kaum ein müdes Lächeln abverlangen, selbstverständlich ist ihr Schreiben politisch. Wenige Tage, bevor Vafi im Januar 2018 nach Frankfurt reiste, begann auch das Jahr der „Frauen der Revolutionsstraße“: Die damals 31-jährige Vida Movahed stieg am 27. Dezember 2017 auf der Teheraner Revolutionsstraße auf einen Verteilerkasten und hielt ihr Kopftuch an einen Stock gebunden eine Stunde lang in die Höhe, bis sie von Sicherheitskräften verhaftet wurde. In den folgenden Tagen brachen im ganzen Land Proteste gegen die Zwangsverschleierung, verknüpft mit Korruptions- und Systemkritik, aus. Movaheds ziviler Ungehorsam fand viele Nachahmerinnen. Auch Frauen, die ihren eigenen Tschador anbehielten, stiegen auf Verteilerkästen und hielten ein Kopftuch an einem Stock in die Luft. Stärker ließe sich kaum sagen: Es geht um unsere Selbstbestimmung und körperliche Autonomie. „Diese Generation ist so unerschrocken“, sagte Vafi 2018. „Sie werden verfolgt und eingesperrt – sie wissen das und nehmen es in Kauf.“ Es ist eine Generation, die mit der Schikane durch die paramilitärische Überwachung im öffentlichen Raum und der ideologischen Gehirnwäsche des Bildungssystems aufgewachsen ist und sich doch weigert, diese als Normalität anzuerkennen. Die meisten von ihnen haben von klein auf gelernt: Das echte Leben spielt sich innerhalb der eigenen vier Wände ab. Diese sind mit allen Mitteln vor den Augen der Islamischen Republik zu schützen.

Nichts verkörpert die Unerschrockenheit dieser iranischen Generation Z mehr als die Teenagerinnen, die – ihre Schuluniformen um die Kopftücher erleichtert – den Bildern der Säulenheiligen Khomeini und Khamenei in ihrem Klassenraum kollektiv den Mittelfinger zeigen; mit „bi-sharaf“ – ehrlos – schreien die Schülerinnen in einem viral gegangenen Video den Regierungsabgesandten ihrer Schule nieder und jagen ihn vom Gelände. „Bi-sharaf“, so erniedrigten kurz nach der Revolution 1979 die Anhänger:innen Khomeinis Frauen, die sich weigerten, das Kopftuch zu tragen. Nach 43 Jahren Korruption und Diktatur im Namen Gottes hat die Mehrheit der Iranerinnen diese tief moralische Verunglimpfung nun zurückerobert. Bi-sharaf, dachte sich vielleicht auch die 22-jährige Kurdin Mahsa Jina Amini aus Saqqez, als sie am 13. September mit ihrem Bruder bei einem Familienbesuch in Teheran in eine Straßenkontrolle geriet und wegen ihres angeblich zu nachlässig getragenen Kopftuchs von paramilitärischen Sittenwächtern mitgenommen und so brutal misshandelt wurde, dass sie drei Tage später an ihren Verletzungen starb. Die Proteste, die nach dem Publikwerden ihrer Ermordung in Saqqez und am Teheraner Kasra-Krankenhaus losbrachen, haben sich nach über drei Wochen zur größten Systemkrise entwickelt, die das Regime in seiner Geschichte erlebt hat. Vereinzelte Stimmen für eine Lockerung des Verschleierungszwangs aus den „moderaten“ Teilen des Establishments gibt es seit vielen Jahren. In der Vergangenheit trugen sie manchmal zur Beliebtheit einzelner Politiker bei, am Prinzip der staatlich repressiven Kontrolle weiblich gelesener Körper ändert das nichts. Es ist einer der Grundpfeiler der Islamischen Republik.

"Die Presse zum Hören"

Den Text von Maryam Aras können Sie auch hören. Julia Pollak liest ihn im Podcast „Presse zum Hören“ gleich hier