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„Das Meer ist der Teufel.“ Meerwasserschwimmbecken in der Kleinstadt Garachico im Norden Teneriffas.
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Literatur

„Wer früher Zuckerrohr schlug, wischt heute die Böden der Hotels“

Die beiden Mädchen in Andrea Abreus Roman „So forsch, so furchtlos“ leben dort, wo andere eben nicht Urlaub machen – im meist wolkenverhangenen Bergland Teneriffas. Ein Gespräch über die zerstörerische Kraft des Tourismus – und die Energie junger Menschen, die nichts zu verlieren haben.

Da liegen sie also in ihren Bikinis. Am Kanal. „Shit, stell dir vor, wir sind am Strand von San Marcos, Shit, sagte Isora.“ Das Meer, es ist nicht weit entfernt, fünfzehn, zwanzig Kilometer vielleicht, aber alle sind beschäftigt, die Mutter putzt, der Vater arbeitet am Bau, diesen Sommer liege das Geld auf der Straße, meint er, ein Hotel nach dem anderen wird hochgezogen. Und darum bleiben die Mädchen in den Ferien eben zu Hause, in dem bitterarmen Bergdorf, dessen Häuser großteils illegal errichtet wurden. Sie streunen durch die Gassen, kotzen sich die Süßigkeiten aus dem Leib, lieben sich und prügeln sich – und zumindest eine wird es schaffen und noch in diesem Sommer von den Felsen ins Wasser springen, auch wenn sie gewarnt wurde: Das Meer, dort im Norden, ist der Teufel.

Andrea Abreu hat einen heftigen, bildstarken, uns vor sich hertreibenden Roman geschrieben, in dem alles zu wuchern scheint – die Sexualität, die Natur, der Hass, die Liebe, die Sprache –, und hat damit nicht nur die spanischen Leser und Leserinnen im Sturm erobert.

Im spanischen Original heißt Ihr Roman „Panza del Burro“ – Eselsbauch. Woher kommt das?

So nennen wir eine Wolke, die im Norden Teneriffas oft über den Bergen hängt. Die wochenlang die Sonne abhält. Sie steht aber auch für den Druck, unter dem die Menschen in dieser Gegend stehen. Sie kommen nirgendwohin, sie sind enttäuscht: Die Menschen leben ein Leben und haben zugleich das Gefühl, dass es nicht das richtige Leben ist. Dass es anders sein müsste. Dass sie feststecken. In Teneriffa beträgt die Armutsrate 30 Prozent, die Jugend hat keine Arbeit. Auch die beiden Mädchen träumen sich woandershin, irgendwohin, wo sie einen Mann haben, Kinder, ein Haus. Sie träumen sich an den Strand. Gleichzeitig haben sie eine enorme Kraft. Sie haben ja nichts zu verlieren! Das macht unglaublich viel mit einem, wenn man nichts zu verlieren hat.

Es ist eine Geschichte über zwei Freundinnen. Oder sind sie doch eher ein Liebespaar?

Beides. Ich wollte diese schmale Grenze ausloten zwischen romantischer Beziehung und Freundschaft.

Diese Freundschaft ist jedenfalls sehr konfliktreich, da ist viel Aggression im Spiel. Ist das eine häufige Dynamik, gerade in der Pubertät?