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Schwierige Vorzeichen für größte Lohnrunde

Gehälter. Im Handel wird ab nächster Woche verhandelt. Welche Abschlüsse sind realistisch?

Wien. Die Kollektivvertragsverhandlungen stehen dieses Jahr angesichts der hohen Inflation unter besonders genauer Beobachtung. Die Metaller haben den Anfang gemacht. Ihre Gewerkschaften Pro-Ge und GPA forderten für nächstes Jahr selbstbewusst ein Lohnplus von 10,6 Prozent. In der ersten Verhandlungsrunde blieb man von einer Einigung weit entfernt. Kommenden Montag geht es für die Metaller in die zweite Runde. Gibt es da keine Einigung – was anzunehmen ist –, finden Betriebsversammlungen statt.

Einen Tag später startet der Handel seine KV-Runde. Mit rund 415.000 Angestellten und 15.000 Lehrlingen handelt es sich dabei um den umfassendsten Kollektivvertrag – jeder siebente Arbeitsplatz in Österreich kann dem Handel zugerechnet werden. Entsprechend groß ist die Anspannung. „Jeder Euro mehr kann unmittelbar wieder ausgegeben werden“, sagt Helga Fichtinger, die heuer erstmals die Verhandlungen für die Gewerkschaft GPA anführt. Dadurch werde die Kaufkraft gestärkt, wovon der Handel wiederum direkt profitiert. Da unterscheidet sich der Handel von der Metallindustrie: Diese exportiert einen bedeutenden Teil ihrer Produktion und bekommt die Kaufkraftsteigerungen im Inland damit nicht unmittelbar zu spüren.


Trügerische Umsatzzahlen

Eine Steigerung der Kaufkraft bedeute nicht automatisch eine Umsatzsteigerung, sondern in erster Linie eine Steigerung der Kosten für die Handelsbetriebe, steckt WKÖ-Spartenobmann Rainer Trefelik im Gespräch mit der „Presse“ die Verhandlungsposition der Arbeitgeberseite ab. Freilich sei die Sicherung der Kaufkraft aber auch den Händlern ein Anliegen. Gesamtwirtschaftlich sind die Verhandlungen von denselben stürmischen Begleiterscheinungen geprägt wie bei den Metallern. Und doch sind die Vorzeichen ganz andere. Für den Handel waren die vergangenen zweieinhalb Jahre eine Achterbahnfahrt. Die unzähligen Lockdowns ließen die Umsätze (mit Ausnahme des Lebensmittelhandels) einbrechen. Nachholeffekte ließen die Geschäfte danach wieder florieren – im ersten Halbjahr 2022 gab es ein Umsatzplus von 12,9 Prozent. Ausgerechnet der von der Pandemie stark gebeutelte Textilhandel steigerte seine Umsätze in den ersten sechs Monaten des Jahres gar um 25,6 Prozent.

Doch der Schein trügt: Die nominell höheren Umsätze sind rein preisinduziert, das Absatzvolumen zuletzt völlig eingebrochen. Auch das Konsumklima hat einen historischen Tiefststand erreicht, die Menschen überlegen sich angesichts der ausufernden Inflation genau, wofür sie Geld ausgeben.

Auf der anderen Seite belasten die Händler höhere Einkaufs- und Energiepreise. Den viel größeren Kostenanteil machen aber die Personalkosten aus – ein zweistelliger Anstieg der Gehälter ginge sich „hinten und vorne nicht aus“, beteuern Handelsvertreter, und würde eine Insolvenzwelle auslösen. Bis zu 6000 Geschäften drohe dann bis Jahresende die Schließung, warnt der Handelsverband.

Noch wollen sich die Gewerkschafter nicht in die Karten schauen lassen, ob ihre Forderung so wie bei den Metallern zweistellig ausfallen wird. Im Vorfeld stellten sie aber klar, dass es keinen Abschluss unter der Inflation der vergangenen zwölf Monate von 6,9 Prozent geben werde.

Für WKÖ-Verhandler Trefelik ist klar, dass man jedenfalls die Abschaffung der kalten Progression und sonstige Hilfen der Regierung mitberücksichtigen müsse. Noch liegen die Sozialpartner mit ihren Vorstellungen weit auseinander, am Dienstag tauschen sie ihre konkreten Forderungen aus. Beide Seiten stellen sich auf lange intensive Verhandlungen ein. Man sei bereit, den „vollen gewerkschaftlichen Blumenstrauß“ an Maßnahmen einzusetzen, so Fichtinger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2022)